Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Was haben die, was wir nicht haben?
Zu einem Erfahrungsaustausch zur Industriekultur haben sich Touristiker und Architekten in Bad Muskau getroffen

VON CHRISTIAN KÖHLER
 


Voneinander lernen und sich stetig verbessern – das sind zwei der Ziele, die der Erfahrungsaustausch von Touristikern, Bauingenieuren und Stadtplanern im Neuen Schloss Bad Muskau in dieser Woche anstrebte. Im Rahmen des Forschungsfeldes „Baukultur und Tourismus“, eines Teiles des Forschungsprogramms „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“ (ExWoSt), hat die Stadt Weißwasser den Gedankenaustausch ausgerichtet. Die Hauptfrage dabei lautete: Wie lassen sich ehemalige Industriebauten besser touristisch nutzbar machen? Besucht wurden deshalb der Neufert-Bau in Weißwasser, die Alte Grube Babina in Leknica und die ehemalige Parkbrauerei in Bad Muskau.

Parallelen zu anderen Regionen

„Wir haben die gleichen Probleme wie Sie“, wandte sich André E. Zaus, Leiter des Staatlichen Museum für Porzellan in Selb, an die Gäste aus Weißwasser, Bad Muskau und der gesamten Region. Selb, die Stadt des Porzellans in Oberfranken, galt einst als prosperierende Region. Bis nach Tschechien hinein arbeiteten entlang der heutigen Porzellanstraße einst 25 000 Menschen in der Porzellanindustrie. „Heute sind es noch 4 000“, berichtet Zaus. Ähnlich wie in Weißwasser, der Stadt des Glases, ist dort die Industrie nach und nach verschwunden, zogen die Menschen wegen fehlender Arbeit fort. Zurück blieben leerstehende Industriekomplexe. Heute sind viele davon zurückgebaut oder fristen als Ruinen ihr Dasein. Nur einige wenige Porzellan-Werkstätten sind in der Region Oberfranken noch in Betrieb – und es gibt einige touristische Leuchttürme wie Bamberg, Bayreuth oder, grenzüberschreitend nach Tschechien hin gesehen, Karlsbad (Karlovy Vary) im Westböhmischen Bäderdreieck.

Die Region Oberfranken hat sich etwas einfallen lassen, um Touristen anzulocken: Die Porzellanstraße verbindet etwa 50 Städte miteinander. Die vermarkten sich gemeinsam. „Wir haben keinen touristischen «Hotspot», müssen uns abstrampeln, um Gäste anzulocken“, sagt Zaus. Die Arbeit der vergangenen Jahre aber zahle sich nach und nach aus: In Bayern setzte man auf ein einheitliches Design, vermarktet die Porzellanregion in Kooperation mit Tschechien europaweit und hat jede Stelle und jeden Ort, an dem einst Porzellan produziert wurde, mit Hinweistafeln ausgestattet. Ein mehrsprachiger Reiseführer stellt nicht nur die Region vor, sondern bietet Individualreisen, bringt geschickt die bestehenden Industrieanlagen und Unternehmen mit ins Spiel. „Die Idee ist, so viele Zielgruppen wie möglich anzusprechen.“

„Seien Sie stolz auf Ihre Geschichte“

Das wichtigste Erfolgsgeheimnis fasst der bayrische Museumsleiter so zusammen: „Seien Sie stolz auf Ihre Geschichte.“ Zaus fährt fort: „Wir sind ebenfalls durch ein Tal der Tränen geschritten, mussten einen industriellen Abstieg hinnehmen. Aber wir sind Weltstadt des Porzellans, und das kann uns keiner mehr nehmen.“ Auch in Weißwasser und der Region sieht er Potenziale, die sich touristisch verwerten lassen. Gerade die Glasgeschichte sei da ein mögliches Standbein – neben Geopark, Muskauer Park, Kromlauer Park oder dem Findlingspark Nochten. „Seien Sie im Netz aktiv, setzen Sie auf Ihre Geschichte und Ihre Leuchttürme, die Sie in der Region haben.“
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Straße des Glases

In Bad Muskau beispielsweise wird derzeit ein ehemaliger Industriebau wieder hergerichtet: die alte Brauerei. „Sie ist für uns ein interessantes und spannendes Projekt“, fasst es Parkdirektor Cord Panning zusammen. Schließlich rage der Bau in die Altstadt hinein, sodass die Stiftung Fürst-Pückler-Park gewissermaßen künftig wohl auch städtebaulich in der Parkstadt aktiv ist. Rings um Weißwasser, so ließe sich zusammenfassen, entwickle sich im touristischen Hinblick einiges: Das Lausitzer Seenland, der Rhododendron-Park – oder eben Bad Muskau. Was aber bietet das Mittelzentrum Weißwasser?

Industriekultur als Eckpfeiler

Es ist ja nicht so, dass die Glasmacherstadt keine Denkmäler hätte. Mit Blick auf die Industriegeschichte wird in jüngster Vergangenheit immer wieder der Neufert-Bau genannt. „Architekten und Fachleute würden sagen: «Selbstverständlich muss der erhalten werden»“, erklärt Lars Scharnholz vom Cottbuser Institut für Neue Industriekultur, „aber Touristiker und auch Einheimische sehen das nicht so. Sie sagen, der sei eine verrostete Bruchbude.“ Scharnholz konstatiert, dass die Bedeutung des Baus schlicht nicht wahrgenommen werde.

Dabei erlangte Ernst Neufert als Bauhaus-Architekt weltweite Anerkennung. „Es ist verständlich, dass die Menschen vor Ort eher Gebäude wertschätzen, wenn sie dazu eine emotionale Bindung haben, positive Erlebnisse damit verbinden“, sagt Professor Holger Schmidt von der TU Kaiserslautern. Er ist Vorsitzender des Vereins Neufert-Bau; meint, man müsse schlicht mehr erklären. Nicht nur für Baugeschichte und den berühmten Architekten Neufert steht der Neufert-Bau, sondern als ehemalige Glaslagerstätte für Weißwasseraner Industriegeschichte. Und Weißwasser ist allein durch die Industrie zu Wohlstand und Wachstum gekommen. „Es geht darum, das Kommunikationsproblem zwischen den Architekten, den Touristikern und letztlich auch zwischen Bürgern und Stadträten aufzulösen“, sagt Lars Scharnholz. Dass der Neufert-Bau „nationale und internationale Bedeutung“ besitze, darauf hatte bereits Anne Keßler vom Bundesumweltministerium (BMU) hingewiesen. Cord Panning unterstrich schon im Juni, „wenn Geld nicht in den Neufert-Bau fließt, fließt es überhaupt nicht nach Weißwasser“.

Das Forschungsfeld „Baukultur und Tourismus“, das bis 2019 läuft und bei dem die Region Weißwasser als eine von nur sechs deutschlandweit mit dabei ist, will herausfinden, wie sich Baukultur und Tourismus gegenseitig befruchten können. In Weißwasser hat sich dazu eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, die 16 Gebäude in Weißwasser, Bad Muskau, Brandenburg und im polnischen Leknica ausgemacht hat, die für die Verknüpfung infrage kommen. Die AG hofft, bis zum Bauhausjahr 2019 weitergekommen zu sein.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 31.08.2018


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Aktualisierung: 01.09.2018


 

Bei dem Erfahrungsaustausch im Neuen Schloss Bad Muskau ging es darum, voneinander zu lernen und der Frage nachzugehen, wie sich ehemalige Industriebauten touristisch besser verwerten lassen. Die Stadt Weißwasser ist dabei der Projektträger. Für ein Gruppenbild der Teilnehmer hat sich das Schloss förmlich angeboten.
Foto: Ch. Köhler