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Die Initiative von Adolf Hirsch
Das Gaswerk der Stadt Weißwasser (Teil 1)
Von LUTZ STUCKA
Die Industriebrache ,,ehemaliges Gaswerk Weißwasser'' am Gablenzer Weg ist im Sächsischen Altlastenkataster als altlastenverdächtige Fläche erfasst. Es bestehen somit Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Altlast.
Gemäß Paragraf 9 Absatz 1 des Bundesbodenschutzgesetzes sind durch die zuständige Behörde (Landratsamt, untere Abfall- und Bodenschutzbehörde) geeignete Maßnahmen zur Ermittlung des Sachverhalts zu ergreifen. Dies erfolgt im Regelfall durch eine historische Recherche und ggf. weiterführend durch technische Untersuchungen. Der Auftrag wurde kürzlich erteilt und das Ergebnis der historischen Recherche ist nachfolgend etwas detaillierter dargestellt.
,,Wunderbare'' Maschine
Kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert gelang es dem Glashüttenunternehmer Adolf Hirsch, eine ,,wunderbare'' Maschine zu entwickeln, die der Hohlglasherstellung zu einem bedeutenden Fortschritt verhalf. Der mit der Glasmacherpfeife geblasene Glaskörper hatte eine geschlossene Form. Nach dem Erkalten musste der obere Teil, welcher mit dem Blaswerkzeug verbunden war vom Glasprodukt getrennt werden, damit die Öffnung entstand. Bisher wurde diese Glasabsprengung mithilfe eines glühenden Schamottewürfels vorgenommen.
Nicht mehr zeitgemäß
Die bisherige Methode war dem Mitinhaber der Glashütte Hirsch, Janke & Co. in Weißwasser, Adolf Hirsch, nicht mehr zeitgemäß und es gelang ihm die Konstruktion einer Maschine, welche die Glaskappe unter der Mithilfe einer Gasflamme abtrennte. Der Schnitt war sauberer und es entstand weniger Glasbruch.
Das für diesen Arbeitsprozess benötigte Gas stand in Weißwasser nicht zur Verfügung, es musste von außerhalb herbei geschafft werden. Die Erzeugung vor Ort wurde immer wünschenswerter. Adolf Hirsch übernahm die Initiative zur Gründung eines Konsortiums, das sich an der Finanzierung eines Gaswerkes in Weißwasser beteiligte. Nicht nur sein Glaswerk auch die anderen ortsansässigen Glashersteller und -veredler benötigten Gasflammen mit hoher Temperatur. Die Verwendung von Braunkohle, da reichlich vorhanden, lag nahe, konnte aber nicht erfolgen, die Verbrennungstemperatur war zu gering. Zum Zweck der Beleuchtung in Häusern, auf Straßen und Plätzen hätte es genügt, zur Bearbeitung von Glas aber nicht. Der Brennstoff musste durch Vergasung von Steinkohle erzeugt werden. Hirsch konnte seinen Kollegen Joseph Schweig sowie den Gemeinderatsvorsitzenden von Weißwasser gewinnen und es kam zur Gründung einer Aktiengesellschaft. Vorsitzender des Aufsichtsrates wurde Adolf Hirsch. Das neue Gaswerk sollte nicht nur die Glashütten, sondern auch einige Privathaushalte und die Kommunalanlagen, Straßen und Plätze versorgen. Der Nutzung von bereits vorhandener Elektrizität zu Beleuchtungszwecken konnte man noch nicht vertrauen, die Anlage war zu störanfällig. Auch besaß Gas eine höhere Leuchtkraft. Als im Jahr 1904 die dritte evangelische Schule in der Schweigstraße, gleich gegenüber dem Elektrizitätswerk, gebaut wurde, verwendete der Baumeister für die Beleuchtung im Zeichensaal (Aula) Gaslampen, die nach seiner Erklärung mehr Licht als elektrische erzeugten.
Im Mai 1900 schloss die neu gegründete Aktiengesellschaft mit der Firma Karl Franke aus Braunau einen Vertrag zur Errichtung eines Gaswerkes in Weißwasser. Vertrauen in die Unternehmung war vorhanden und so wurden auch die Aktien gut verkauft. Es fehlte aber noch der Anteil der Kommune. Dem Weißwasseraner Gemeindechef gelang bis zum 4. Dezember 1901, ein Finanzinstitut zu überzeugen, der Gemeinde Weißwasser einen Kredit zum Erwerb von dreißig Aktien zu je 1 000 Mark an der neuen Gaswerk AG Weißwasser auszugeben.
Um einer gleichartigen Pleite wie im Vorjahr zu Silvester, als die gesamte elektrische Beleuchtung um 24 Uhr im Ort ausfiel, zu entgehen, wurde fieberhaft an der Fertigstellung des Werkes gearbeitet. Gerade noch am letzten Tag des Jahres 1901 konnte das Werk in Betrieb genommen und in der Silvesternacht das erste Leuchtgas an das Leitungsnetz des Ortes abgegeben werden. zs1
Zum Thema:
1903, Frühjahr.
Die vom Gaswerk Weißwasser versuchsweise in der evangelischen Kirche aufgestellten Gasöfen erfüllen ihren Zweck der Raumheizung nicht. Die Öfen werden wieder entfernt. Welche andere Art der Beheizung gewählt wird, soll erneut getestet werden, informiert der
Pfarrer.
1908, 14./15. Mai.
Ein tragischer Unfall ereignete sich in der Nacht. Nachdem der Lokomotivführer A. Pittack sein Haus in der Mittelstraße zum Dienst verlassen hatte, legten sich seine Ehefrau und Tochter zur Nachtruhe nieder. Sie hatten versäumt, den Gasabsperrhahn zu schließen. Der unzureichend befestigte Schlauch zum Gaskocher löste sich, das Gas strömte die ganze Nacht aus und tötete die Schlafenden. Erst am Morgen bemerkten die Hausmitbewohner den Gasgeruch und fanden die Leichen. Wahrscheinlich war es der erste Unfall durch ungeübten Umgang mit Leucht- und Heizgas im privaten Haushalt in Weißwasser.
Quelle:
Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 28.10.2010
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