Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Rededisposition zur Ausstellung „80 Jahre Manfred Schäfer“


Es ehrt mich und ich empfinde eine große Wertschätzung darin, dass mir die Möglichkeit geboten wird, einen Teil meines mit viel Liebe und Sorgfalt gesammelten Materials zu zeigen.

Beides, Glasobjekte oder Geschriebenes, sind Zeitzeugen. Die ausgestellten Gläser aus älterer Zeit habe ich nicht nach wissenschaftlicher Vorschrift gesammelt. Andere können das besser. Ich habe auch nie nach Wertigkeit geschaut, weder nach DDR-Mark noch nach Westmark und auch nicht nach dem Euro.

Ich habe das gesammelt, was Menschen mit viel Geist, mit sehr viel fachlicher Sorgfalt und hand-werklichem Können uns hinterlassen haben. Mir ist alles das sympathisch, wo etwas „Besonderes“ dran ist, wo sich der Glasmacher, der Veredler, der Gestalter fast verausgabt hat. Es können auch Lösungen sein, die nur mit neuerer Technik möglich waren.

Ich habe teils auch das gesammelt, wo sich liebenswerte kleine menschliche Fehler in Schreibtexte eingeschlichen haben. So hat z. B. der Graveur auf einem Andenken-Glas aus dem „Geburtstag“ einen „Gebutstag“ gemacht. Das „r“ hat er verschluckt.

Natürlich hat mir mein Sammeltrieb auch einige ganz besondere Glasstücke beschert: Die Tintenfäs-ser als Erinnerung an den Glasmacher Hans Lutzens, viele Briefbeschwerer mit besonderen Gestal-tungsmerkmalen, einen gepressten Teller für die Olympischen Spiele 1936, der von den Nazis wegen des fehlenden Hakenkreuzes verboten wurde. Der Designer Prof. Gies blieb bei seinem Entwurf und änderte das Eichenblatt nicht in ein Hakenkreuz – ein standhafter Mensch, wie es ebenfalls Prof. Wagenfeld war.

Besondere Freude habe ich auch an einer wunderschönen Gebäckschale, äußerst reich mit ver-schiedenster Dekoration versehen, u. a. Gelbbeize, Schliff, Gravur – für mich von der Familie Riehle „geopfert“. Zu dieser Gruppe des „Wertvolleren“ zähle ich auch eine „Arsall“-Vase aus der Produkti-on der VLG Weißwasser um 1920.
Doch einmal zurück mit meinen Gedanken in Zeiten, als wir die DDR hatten. Zu deren wirtschaftli-cher Situation muss ich etwas sagen. Unter oft extremsten Bedingungen wie Embargo des Westens, Mangelerscheinungen bei Materialien, Importbeschränkungen, verfehlter Wirtschaftspolitik usw. ist viel, sehr viel erreicht worden, dank auch durch unsere Glasarbeiter.

Es gab enorme Auswirkungen auf die Tätigkeit in der Erzeugnisentwicklung. Ich will es beispielhaft an Erzeugnissen der maschinellen Stielglasfertigung sichtbar machen. Mein Urteil dazu dürfte etwas gelten, da ich federführend an der Entwicklung aller Stielglasserien bis etwa 1981 tätig war.

Schaut euch die Foto-Reihe und auch die Erzeugnisse etwas näher an und es wird spürbar, dass allzu oft und immer wieder gleiche Ober- oder Unterteile Anwendung fanden. Sie wurden miteinander immer wieder kombiniert. Die Ursache lag wirklich nicht an der mangelnden Qualität der Gestalter, sondern am Mangel von Kapazitäten oder auch Materialien! Es waren harte Kämpfe, oft Widerwärtig-keiten, die wir uns als Gestalter gefallen lassen mussten und gar nichts dafür konnten.

Wir waren selbst so dumm und wollten die Verpackungen in einer Form standardisieren, die keinen Sinn mehr hatte.
Genau diese Gedanken finden Sie in meinem Entwurf einer Kelchserie aus Anlass eines Design-Wettbewerbes 1976/77 verwirklicht. Selbst die Jury, ich kenne nicht die Namen, war sicher so über-rascht, mit welcher DDR-Konsequenz diese Serie gestaltet ist. Ihr Urteil war ein 7. Platz. Für eine primitive Entwicklung einer Dosenserie gab es dafür einen Siegerpreis für mich.

Das war damals leider so: Für den Entwurf einer manuellen Kelchserie oder einer Bowle konntest du Nationalpreisträger oder Verdienter Volkskünstler werden. Als Gestalter für maschinell gefertigtes Stielglas warst du nur Prügelknabe! Ich hab’s überstanden!

An diesem Punkt reizt es mich förmlich, noch Gedanken anzuschließen. Sie müssen nicht unbedingt Anklang bei allen finden:

In meiner Zeit als Glasgestalter unter Bundtzen wurden mir immer wieder Aufgaben zur Gestaltung von Pressglas übertragen. Es war ein sehr schwieriges Feld, was hier zu beackern war. Noch kom-plizierter, ich sagte es schon, war die Entwicklung neuer, maschinell geblasener Kelchglas-Erzeugnisse. Es gab dafür keinen entsprechenden Lohn, der Chef verteilte diese Aufgaben oft an seine Mitarbeiter.
In der vor kurzem geschlossenen Ausstellung „Design für den täglichen Gebrauch. Ankerglas Berns-dorf/Oberlausitz. 1930 −1970“ im Neuen Schloss Bad Muskau sind u. a. einige meiner Entwicklungen in Pressglas zu sehen gewesen.

Erst hier wurde ich darauf aufmerksam, wie vergesslich ich teilweise auch bin. Einen Teil meiner Tätigkeit habe ich der Entwicklung von Leuchtengläsern gewidmet. Wenige Zeichnungen bzw. Fotos liegen auch hier aus.

Diese Erklärungen sind von mir nur dafür gedacht, Kenntnisse in Erinnerung zu rufen oder Unkennt-nisse zu beseitigen.

Nun habe ich zum Techniker, Gestalter und Glassammler Schäfer etwas gesagt. Übrig bleibt noch der Chronist.

Für die Stielglasfertigung an den maschinellen Linien habe ich zumindest etwas aufgeschrieben, was teilweise schon vergessen war. Bei Befragungen Ehemaliger war ich manchmal erschüttert, wie groß schon das Wissensloch nach nur einer Generation ist.

Mir lag auch am Herzen, über das Sozialwesen im Stammbetrieb einige Dinge aufzuschreiben. Ei-gentlich gäbe es prädestiniertere Leute dafür, nur habe ich bisher von ihnen nichts gehört, nichts gelesen. Schade!

Worüber ich immer wieder glücklich war, das sind die vielen kleinen und großen, die guten und weni-ger guten Geschichten über Menschen an meiner Seite. Es können auch Menschen aus dem weite-ren Umfeld sein. Den Titel für diese Fortsetzungsreihe habe ich wohl sehr treffend gewählt: „Die Menschen von hier haben Glas geformt und das Glas die Menschen“.

Davon gibt es mit dem Vorläufer 5 Broschüren. Ich weiß nicht, ob das Museum noch einzelne Exemplare hat. Ansonsten würde ich gern die Glocke bei den Sponsoren läuten oder mit dem Zaun-pfahl winken. Das Museum und dessen Förderverein würden sich bestimmt um den Nachdruck die-ser Exemplare kümmern. Alle, die in diesen Büchlein stehen, zu denen ich etwas ausgesagt habe, hätten es sich verdient! Viele, viele Beweise der Dankbarkeit für diese Schriftenreihe habe ich von unterschiedlichen Stellen und Personen erfahren. Es gab auch Ehrungen dafür.

Doch nun weg vom „Guten“!

Es gab leider auch Störenfriede in meinem Leben. Teilweise war es respektlos, was sie taten. Von rotznasigen Parteiorganisatoren des Zentralkomitees der SED und von amtshungrigen Kaderchefs habe ich Denunzierung erwartet. Leider haben sich auch Vernunftbegabte dafür hinreißen lassen und teils falsche Auskünfte von mir an die STASI geliefert. Mindestens 18 Stasi-Spitzel, genannt „Infor-melle Mitarbeiter“ (IM), haben meine Spur verfolgt, aber nichts gefunden. Erst 1988 wurde meine Akte geschlossen – die Wende nahte schon. Ich selbst hatte mich vehement gegen einen Spitzel-dienst gewehrt. Dies war erfolgreich – ich war kein IM!

Ich war auch kein Dieb von Volkseigentum, habe keinen feindlichen Stützpunkt in Weißwasser gebil-det und sollte doch als Staatsfeind angeklagt werden. Das in meiner STASI-Akte zu lesen hat mich betroffen gemacht.

Nicht diesen Leuten gelten meine letzten Gedanken. In der Periode menschlichen Lebens, in der man hinfällig zu werden droht, ist eine sinnvolle Tätigkeit besonders nötig. Dem schrumpfenden Geist wollte ich Beschäftigung entgegensetzen. Mir ist es mit Freude gelungen – das „Gehirnkästel“ funkti-oniert noch.

Das alles wollte ich speziell den „Jüngeren“ sagen. Sollten sich Ältere bevormundet fühlen, dann bitte ich um Entschuldigung.

Meiner kleinen Ausstellung – es ist keine „Show“ – will ich gern den Titel geben: „Momente meines Arbeitsleben“. Genau in diesem Sinn sollte Ausgestelltes von den Besuchern betrachtet werden. Ich wäre froh und freudig, wenn ich von den Gästen hören würde:

• Kannst du dich noch erinnern?
• Schau‘ doch mal, wer das ist!
• Mensch, das Glas hab‘ ich auch zu Hause!
• Dieses Büchlein hab‘ ich gelesen!

Ich bedanke mich herzlich für Ihr Interesse und wünsche uns allen viel Anstand von der Zeit, die noch vor uns liegt.

Ganz herzlich mein Danke für die Hilfsbereitschaft, die ich bei der Organisation dieser Ausstellung erfahren habe.


Manfred Schäfer


Im März 2017


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Aktualisierung:
27.03.2017