Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Ansprache von Siegfried Kohlschmidt anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung zu Ehren von Manfred Schäfer


Verehrte Damen, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Pötzsch,
liebe Frau Rauch, sehr geehrter Herr Fasold,
meine Herren,

Vorab:
Lieber Manfred Schäfer, ich freue mich und bin auch stolz, Ihnen zu Ihrem Geburtstag, wenn ich so sagen darf, zu Ihrem Jubelfeste, herzlich zu gratulieren. Sicher bin ich nicht der letzte in der Schar der Gratulanten, manche bemerken dieses bemerkenswerte Jubiläum etwas verspätet, doch wie ich hörte, gab es auch schon jemand, der zum 85. gratulierte, aber das wollen wir uns doch noch ein wenig aufheben. Bis dahin ich wünsche Ihnen, lieber Manfred Schäfer, eine einigermaßen erträgliche Gesundheit und weiterhin Schaffenskraft für unser gemeinsames Anliegen – Sie als Chronist, ich als Kulturhistoriker. Sie mit einem phänomenalen Gedächtnis trage dafür Sorge , dass, ich lehne mich an den Titel Ihrer wertvollen Schriftenreihe an, dass die Menschen von hier das Glas geformt haben und das Glas diese Menschen, dass diese Menschen und ihre Leistungen nicht vergessen werden. Ich kümmere mich mehr um die Kulturgeschichte des Lausitzer Glases von seinen Anfängen bis in die Gegenwart. Auch ich gebe im Verbund mit meinem Sammlerkollegen Richard Anger eine Schriftenreihe heraus, die schlicht LAUSITZER GLAS heißt und einmal ein Kompendium all dessen werden soll, was die Lausitz an gläsernen Schönheiten hervorgebracht hat. Heute erscheint die Nummer 4:
Lausitzer Glas – Leipziger Gold. Ausgezeichnete Gläser aus der Lausitz.
1950 – 1990

Dieser Nummer 4 habe ich eine Widmung vorangestellt:
Manfred Schäfer
Glasgestalter – Glastechniker – Glassammler – Glaschronist
zum 80. Geburtstag.

Verehrte Damen, meine Herren, ich will hier nicht auf den Inhalt der Schrift eingehen, der Titel sagt eigentlich alles, ein Exemplar geht als Beleg für die konstruktive Hilfe an das Glasmuseum Weißwasser, das kann man sich auch hier ansehen, man kann es aber auch bei mir kaufen. Nur soviel: Auflage 30 Exemplare, davon gehen 11 Exemplare an Helfer wie eben dem Glasmuseum Weißwasser, aber auch an das Stadtmuseum Cottbus, an die Stiftung Fürst-Pückler-Park Bad Muskau, den Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Schloss Pillnitz und mehreren privaten Unterstützern. Nur wenige Exemplare sind also frei verkäuflich, und glauben Sie mir bitte – ein Geschäft ist damit nicht zu machen.

Mehr zu dem neuen Heft nicht, dafür mehr zu Manfred Schäfer oder vielmehr zu seinen Gläser. Als der gelernte Keramiker 1955 nach Weißwasser kam, arbeitete die von Friedrich Bundtzen gegründete Werkstatt für Glasgestaltung in ihrem sechsten Jahr. Sie war nach dem Vorbild von Wagenfelds Gestaltungslabor aufgebaut, d. h. dass neben dem Gestalter auch Zeichner und vor allem Glasmacher, Glasschleifer und Glasgraveure arbeiteten und – eben ein Modelleur. Die Formgebung eines Glases mündet in technischen Zeichnungen, doch zuvor sind mehrere kreative Schritte nötig, der Weg geht von den Ideen, den Skizzen und den ersten Zeichnungen zu Modellen, zu den Gipsmodellen.

Nun hatte der Modelleur Baldur Schönfelder Weißwasser verlassen, um in Berlin freier Bildhauer zu werden. Bundtzen brauchte also dringend einen, ich sag mal so: einen in Gipsformen erfahrenen Modelleuer, und er setzte nicht auf einen alten Hasen, er vertraute der Jugend, wenn ich richtig rechne, war Manfred Schäfer zum Dienstbeginn 18 Jahre alt.
Ich will jetzt nicht viel sagen über die ganzen dienstlichen Belange und Zwänge, nur soviel: Die Werkstatt für Glasgestaltung Weißwasser war für zwei Jahrzehnte das kreative Zentrum für die gesamte Formgestaltung in der Glasindustrie der DDR. Da sich die Aufträge häuften, Bundtzen durch mehrere gesellschaftliche Verpflichtungen immer weniger Zeit für kreatives Arbeiten fand, wurde etwa zeitgleich mit Manfred Schäfer ein zweiter Glasgestalter eingestellt, das war Fritz Wondrejz. Aber auch dann mussten noch Aufträge zurückgestellt werden, deshalb mussten andere Mitarbeiter herangezogen werden. Da wissen wir leider noch zu wenig, aber erst im vorigen Jahr gelang uns, Richrad Anger und mir, der Nachweis, dass auch der Graveur Fritz Heinzel und sogar der Glasmaler Karl Baier Formentwürfen machen durften. Und ich weiß auch, dass Manfred das jetzt nicht gerne hört, aber es muss gesagt werden: Es ist Friedrich Bundtzen nur zu danken, dass auch der Modelleuer Schäfer Freiraum für Gestaltungsarbeiten eingeräumt bekam. Und ich möchte sagen, mit einem unglaublichen, fast furiosem Ergebnis. Gerade die frühen Schäfer-Gläser und auch sein letzter Entwurf haben einen bleibenden Platz in der deutschen Kulturgeschichte.

Zu den frühen Gläsern einige Beispiele: Mit nur 20 Jahre gelingt Manfred Schäfer ein ganz großer Wurf – die Serie WIEN für Ankerglas Bernsdorf, in verschiedenen Größen bestehend aus zwei Fruchtschale, zwei Konfekt-schalen und zwei Eisschalen. Diese Schalen können nicht nur neben den Arbeiten des Meisters Bundtzen bestehen, sie halten auch jeden Vergleich mit skandinavischem, italienischem oder französischem Design stand. In der Folge entstehen aus Schäfers Kopf und Herz weitere herausragende Pressglasentwürfe. Seit Anfang der 1960er Jahre entwirft Schäfer auch mundgeblasene Gläser, ausgeführt zum Teil an der Werkstelle der Werkstatt für Glasgestaltung und in den Oberlausitzer Glaswerken Weißwasser, etwa ein Weinservice in bronzegrün und verschiedene Vasen. Dass aus den Erfolgen Schäfers auch eine gewisse Konkurrenzsituation erwächst, ist eigentlich natürlich, aber heute nicht mein Thema.

Der Abschnitt endet für mich 1964 mit der Kelchserie A 1915. Es ist die seit den 1930 Jahren zu beobachtende Linie zur Neuen Sachlichkeit, zur sogenannten GUTEN FORM, der auch nach dem Krieg in Ost und West gefolgt wurde. Wenn man so will, kann man Wagenfeld als den Vater bezeichnen, zumindest im Lausitzer Glas, dem folgte Bundtzen als Ziehsohn, als Schüler Wagenfelds, und dann Manfred Schäfer als Wagenfelds Enkel.

Um 1970 setzt ein Geschmackswandel ein, international und natürlich auch in der Lausitz, die strenge Form ist passé, die Gläser nehmen geschwungene Silhouetten an, die Glasfarbe tritt stark in den Vordergrund, die Dekore werden üppig und üppiger, und wie das so ist mit einer neuen Stilrichtung, nicht alles gelingt, und selbst wenn der Gestalter eine ausgewogene Form findet, dann wird ihm der gelungene Entwurf von allerlei Leuten verschönredet. Das kann man durchaus auch an den Gläsern Schäfers beobachten, z. B. die Stapeldosen A 4435 oder auch verschiedene Pokale oder Bowlen – in der Form, in der Ausführung glatt, sind die Gläser überaus gelungen, in dekorierten Varianten leider nicht.
In den 1970er Jahren erlangt Manfred Schäfer auch mehrere Auszeichnungen auf der Leipziger Messe, z. B. Goldmedaillen für DIADEM und DIAMANT und schließlich die Kelchserie KARAT, meines Wissens nach der letzte Entwurf Schäfers, jedenfalls der letzte bedeutende. Deshalb habe ich KARAT auch für das Titelbild der neuen Schrift ausgewählt. Manfred Schäfer fand endlich eine Form, die sowohl dem Zeitgeist als auch den technischen Möglichkeiten gerecht wurde.
Für mich ist KARAT ein herausragender Entwurf, natürlich nicht für alle Zeiten, er wurden ersonnen für seine Zeit, die Gläser heute sind eleganter, leichter, es sind eben Gläser von 2017, nicht von 1980. Dennoch, es fällt mir schwer, die wunderbaren Kelchgläser von Stölze als "unsere" anzusehen, sie sind nicht regional, sie sind global.

Die Glaswerke sind verschwunden oder in fremder Hand, aber ihre Gläser, lieber Manfred Schäfer, werden bleiben. Die Gläser sind für eine bestimmte Zeit das Beste, was es gab, sie sind Zeugen einer hochstehenden Glaskultur und gehören zum gesicherten Bestand der deutschen Kulturgeschichte.


Quelle: Siegfried Kohlschmidt im März 2017


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Aktualisierung:
27.03.2017