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Auferstanden für den Modellfall
Zum Masznehmen kamen bekannte Bauhaus-Schüler mehrfach nach Weißwasser. Nun treten sie erneut in Erscheinung.

Von Anett Böttger



Der eine setzte Maßstäbe in der Glasgestaltung, der andere wurde als Verfasser der Bauentwurfslehre weltbekannt: Wilhelm Wagenfeld (1900-1990) und Ernst Neufert (1900-1986). Für den „Modellfall Weißwasser“ leben der Industrie-Designer und der Architekt an ihrem früheren Wirkungsort wieder auf. Die Schauspieler Heiner Bomhard und Sebastian Straub verleihen den beiden Bauhaus-Schülern Gestalt und Stimme – das nächste Mal an diesem Freitag. Dann erscheinen Wagenfeld und Neufert zur Premiere des Stadtparcours, mit dem das derzeit laufende Theater- und Kunstprojekt seinen vorläufigen Höhepunkt erlebt.

„Ich kannte Wagenfeld vorher nicht, auch nicht seine berühmte Lampe“, räumt Heiner Bomhard ein. Umso mehr hat der 33-Jährige nun über den Mann nachgeforscht, den er darstellen sollte. Er versuchte, über das Internet Stimmaufnahmen von Wagenfeld zu finden, allerdings ohne Erfolg. „Es hätte mich sehr interessiert, wie er gesprochen hat.“ Wahrscheinlich mit norddeutschem Akzent, da der Glasgestalter in Bremen zur Welt kam.

Für Sebastian Straub waren Neufert und seine Bauentwurfslehre bereits ein Begriff. „Ich kannte das Buch aus dem Regal meiner Schwester, die Architektin ist“, sagt der 36-Jährige. Auch er habe vergeblich nach Originalaufnahmen mit Neuferts Stimme gesucht. Eine Orientierung geben zumindest Fotos, die vom späteren Mitarbeiter Albert Speers existieren. „Er wirkte sehr sportlich, vital und raumeinnehmend“, urteilt der Darsteller.

Beim „Modellfall“ tritt Neufert immer elegant mit dunklem Hut auf. Wagenfeld dagegen trägt Schiebermütze, wie wohl oft in seiner Studienzeit. Außerdem scheint er unaufhörlich zu paffen. „Die Pfeife hat er nie aus dem Mund genommen“, verrät Regisseur Stefan Nolte. Er hat die beiden Schauspieler ausgewählt. „Ich suchte für die Rollen zwei Männer im gleichen Alter, in dem Neufert und Wagenfeld waren, als sie in Weißwasser wirkten.“

Der Designer hatte 1935 die künstlerische Leitung in den Vereinigten Lausitzer Glaswerken (VLG) übernommen. Ein Jahr später holte er den Architekten in den Betrieb, der unter anderem das Zentrallager mit Versandhalle entwarf, heute kurz Neufert-Bau genannt. Wie die Figuren, die sie verkörpern, sollten die Schauspieler bereits berufliche Erfahrungen haben und im Leben stehen, erklärt Nolte, zugleich künstlerischer Leiter des Modellfall-Projektes.

Heiner Bomhard und Sebastian Straub verbindet nicht nur die Parallele, dass sie nahezu im gleichen Alter sind. Beide stammen aus Franken – der eine aus Ansbach, der andere aus Würzburg. Außerdem arbeiten beide freiberuflich und leben in Berlin, wo Sebastian Straub an der Universität der Künste auch studiert hat. Mit Stadtprojekten, wie es der „Modellfall“ nun in Weißwasser ist, kennt er sich schon aus. Zeitweise gehörte er „Copy&Waste“ an, einer freien Theatergruppe aus Berlin, die unter anderem im Ruhrgebiet gearbeitet hat.

In Wien hat Sebastian Straub eine eigene Gruppe mitbegründet: die „Freundliche Mitte“ als Verein für kollektive Theaterarbeit. „Das hab ich immer gesucht, um gemeinsam Stücke und Konzepte zu entwickeln“, sagt er. Heiner Bomhard war bis 2016 in Freiburg engagiert. Die Festanstellung hatte er noch vor Abschluss seines Studiums an der Münchner Theaterakademie „August Everding“ bekommen. Er entschied sich jedoch, den Vertrag nach vier Jahren nicht zu verlängern, da er sich zu stark in den Spielbetrieb eingebunden fühlte.

„Es ist viel angenehmer, Zeit für andere Dinge zu haben“, sagt der Künstler, der auch komponiert, musiziert und Stücke schreibt. Als 2018 „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ in Berlin uraufgeführt wurde, spielte Heiner Bomhard eine der beiden Hauptrollen. Das Stück entstand zum 75. Geburtstag des Filmregisseurs Rosa von Praunheim, der seine Autobiografie auf der Bühne selbst am Deutschen Theater inszenierte.

Zum Parcours in Weißwasser werden die Darsteller von Wagenfeld und Neufert an drei Orten in Aktion sein. Sie empfangen die Gäste am Bahnhof, um sie von dort auf Entdeckungsreise durch die Stadt zu schicken. Im Vorlesungssaal der früheren Glasfachschule führen die beiden später eine heiße Debatte um das eigene Erbe. Zum Abschluss sind sie auf dem Boulevard zu erleben, wo Wunschbilder neuen Lebens entstehen sollen.

„Wir haben uns in die Figuren eingearbeitet“, erzählt Heiner Bomhard. Ein Teil der Texte für die Auftritte sei in der Improvisation und gemeinsam mit dem Autor Paul Brodowsky entstanden. Wenn eigene Ideen einfließen könnten, fühlten sich die Darsteller stärker mit der Rolle verbunden. „Man bewegt sich zwischen Spiel und Identifikation“, fügt Sebastian Straub hinzu. Das Publikum kann sich davon an den kommenden beiden Wochenenden überzeugen.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 19.06.2019


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Aktualisierung:
19.06.2019


 

Besuch in der früheren Wirkungsstätte: Im April dieses Jahresinspizierten Ernst Neufert (Sebastian Straub, l.) und Wilhelm Wagenfeld (Heiner Bomhard) die Produktion in der Stölzle Lausitz GmbH
Foto: R. Ullmann