Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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 Bauhaus, Bier und Speicher-City
In Weißwasser rücken Künstler ein besonderes Lager ins Licht und tüfteln bis Juni an der Zukunft der gebeutelten Stadt

SILVIA STENGEL


Es ist dunkel in Weißwasser und es regnet. Trotzdem sind ungefähr 30 Leute gekommen, junge und alte, auf die Schnitter-Brache, die nach einer früheren Brauerei benannt ist. Ein Scheinwerfer leuchtet. Es geht auf eine Zeitreise, ist zu hören, in das Jahr 1936, in eine stolze Glasmacherstadt, die Glühbirnen bis nach New York liefert. Zwei Ehrengäste werden begrüßt: Professor Wilhelm Wagenfeld. viele Kennen ihn als berühmten Glasgestalter, er zündet sich eine Pfeife an, und Professor Ernst Neufert, ein Architekt mit langem Mantel und Hut. Beide sind Bauhaus-Schüler und wirkten für die Vereinigten Lausitzer Glaswerke in Weißwasser. Und beide sind nun erneut in die Stadt gekommen, um einen Neubeginn zu wagen.

Die Zeitreise führt zu einem sechsgeschossigen Lagerhaus des Architekten von 1936, heute Neufert-Bau genannt. Das sieht inzwischen traurig aus, hat aber seinen Reiz nicht verloren mit dem Stahlskelett und den roten Ziegeln. Es war das Zentrallager für die Glasmacher. Seit Jahren steht das Gebäude leer, das Dach ist löchrig. Vor den Fenstern hängen jetzt Fotos, Porträts von wichtigen Leuten der Stadt wie eben Wagenfeld und Neufert.

Traurig ist auch das Los des Volkshauses. Wo früher getanzt, getagt, Theater gespielt und Fasching gefeiert wurde, "das· Herz der Stadt schlug", auch dort ist die Tür seit Jahren geschlossen. Zuletzt hat es in dem Haus gebrannt. Nun verbindet die Zeitreise beide Bauten, die nicht weit auseinander liegen. Sowohl im Volkshaus als auch im Lagerhaus werden an diesem Abend Lichter angezündet, eine "Lichtbrücke" entsteht. "Noch ist Geist in diesen Häusern", heißt es. Für beide setzen sich Menschen aus Weißwasser ein. Der Verein für das ehemalige Lagerhaus erhält 150.000 Euro aus dem Bauhaus-Fonds der Kulturstiftung des Bundes und wird auch vom Freistaat Sachsen gefördert. 2019 werden schließlich 100 Jahre Bauhaus groß gefeiert. Und das hat gleich eine ganze Bewegung in Gang gesetzt, die sich mit der Zukunft der Stadt beschäftigt.

Modellfall Weißwasser" heißt das Projekt, in das diese Zeitreise eingebunden ist. Der Abend endet in einem Laden, der jetzt ein Labor für die Zukunft der Stadt ist, nicht weit vom Rathaus. Die Besucher sitzen auf Stühlen aus dem Volkshaus. Die beiden Schauspieler, die Wagenfeld und Neufert verkörpern, lesen aus dem Buch "Die Reise zu den Glasbläsern", das Wilhelm Lotz 1938 im Auftrag von Wagenfeld schrieb. Es beginnt in Bad Muskau, wo ein Botaniker und ein Maler den Fürst-Pückler-Park bewundern und Wilhelm Wagenfeld begegnen, der sie nach Weißwasser einlädt, zu den Ziegelbauten mit hohen Dächern, und das Faszinierende an der Glasmacherei zeigt. Tanzende Tropfen, die Glasbläser, die wie auf einer Bühne um den runden Ofen herum stehen, lange Stangen in den Händen, die Pfeifen genannt werden - das wird schön beschrieben. Hier entstehen Blumenvasen und Krüge. Wagenfeld ist es wichtig, "die einfachsten Dinge des Lebens schön zu gestalten". Es werden auch Pressgläser produziert für den Mann, der über wenig Geld verfugt, und die laut Buch ganz passabel sind. Und auch das "neue Lagergebäude in schönen roten Klinkern" wird gepriesen.

Nazizeit wird auch beleuchtet

Überhaupt die Glasmacher aus der Lausitz: Mit ihnen erlebte die Stadt einen Aufschwung. Das haben die jetzigen Projektmacher bereits erkundet. Als Wagenfeld 1935 nach Weißwasser kam, hatte sich die Stadt dank Bahnlinie und reicher Braunkohle- und Quarzsandvorkommen innerhalb weniger Jahrzehnte fast aus dem Nichts heraus zum größten europäischen Glasproduzenten entwickelt. Genauso beschäftigt sich das Projektbüro mit der Nazizeit: Wagenfeld lädt unter Berufsverbot stehende Künstler aus dem Bauhaus-Umfeld zur Mitarbeit in seine Werkstatt nach Weißwasser und zum Gespräch in seinen abhörgesicherten Salon ein. Er weigert sich, der NSDAP beizutreten, verweigert einen Gestaltungsauftrag in einer SS-Produktionsstätte und wird deshalb 1944 in ein Strafbataillon an die Ostfront geschickt. Und Neufert entwickelt ab 1939 im Auftrag des Architekten Albert Speer neue Standards für das industrielle Bauwesen, wird Reichsbeauftragter für Baunormung und 1944 von Adolf Hitler in die "Gottbegnadeten-Liste" der wichtigsten Architekten aufgenommen und so vor dem Kriegseinsatz bewahrt.

Eine Stadt für Wolf und Wisent?

Weißwasser erlebt nach dem Krieg wieder einen Aufschwung durch den Tagebau und das Kraftwerk Boxberg. Bis 1990 war die Einwohnerzahl auf 38 000 hochgeschnellt, heißt es. Nach der Wende aber sind viele Jobs weggefallen, die Glasindustrie fast komplett zusammengebrochen, junge Leute weggezogen. Heute würden noch etwa 16000 Einwohner in Weißwasser leben.

Wie kann sich die Stadt neu ausrichten? Das haben die Weißwasseraner in den vergangenen Jahren oft diskutiert. Nun stellt Stefan Nolte Zukunftsentwürfe vor. Er ist der künstlerische Leiter für das Projekt und fragt: Soll Weißwasser eine Stadt als Industriemuseum mit der Glasgeschichte werden? Oder ein Altenparadies? "Um Gottes willen", raunt eine Frau im Publikum. Eine "Kupfer-City" vielleicht? Ein "Wolfswasser", wo die Natur zurückkehrt und Wisente durch die Straßen laufen? Oder eine Giga-Speicher-Stadt? Eine Hafenstadt am Südsee? Den meisten im Publikum gefällt eine Zukunft als Dreiländereck mit Schnellverbindungen nach Polen und Tschechien. Die Ideen werden weiter diskutiert im "Modellfall Weißwasser" und dem "Masz-Laden", der nach der im Bauhaus diskutierten Maxime vom "Menschen als Maß aller Dinge" benannt ist. Schüler haben sich schon eingebracht. Es gibt Fotos, auf denen sie tanzen. Eine Internetseite ist im Aufbau, ab 2019 können die Aktionen auch auf Facebook und Instagram verfolgt werden, sagt Stefan Nolte, dann soll es kleine Videobotschaften geben. Orte werden bezeichnet. die wichtig für die Stadtentwicklung sind und mit dem Bauhaus zu tun haben. Dafür gibt es "Bautafeln", die zeigen, was der Ort einst war oder werden könnte, wie jetzt am Neufert-Bau, Es liegen schon erste Ideen für das ehemalige Lagerhaus vor, so für einen "Heimatspeicher" für verschwundene Orte und Objekte, eine Infostelle im Gebäude oder zeitweise Räume für Kreative: "Der Neufett-Bau will ein Ort zum Ausprobieren und Experimentieren sein und kein Museum."

Im Juni endet das Ganze mit zwei Wochenenden voller Aktionen, gemeinsamen Stadtspaziergängen mit Theater, Gesang, Musik und bildender Kunst zum "Neugebrauch der Stadt". Weißwasser wird "neu bespielt", sagt Stefan Nolte. Er ist Regisseur und kommt vom Theater und aus Berlin. Vor allem aber sollen die Weißwasseraner selbst mitmachen. Es haben sich schon viele gemeldet, wie der Stadtchor, der Posaunenchor, die Galerie, das Glasmuseum und die Berufsschule. Ab Januar werden Werkstätten für Theater oder Gesang, Film und Foto angeboten. Wenn jemand nicht Theater spielen will oder singen kann, ist das kein Problem, sagt Stefan Nolte. "Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu beteiligen."

Und vom Bier erzählt der Künstler auch noch. Er hat eine Glaskalfaktorin kennengelernt. Die brachte den Glasbläsern den Gerstensaft. Der wiederum wurde früher auf der Schnitter-Brache gebraut. Es muss wohl ein dünnes Bier gewesen sein, vermutet Stefan Nolte, denn wie er hörte, wurde es auch schon morgens getrunken.

www.modellfall-weisswasser.de


Quelle: Sächische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 18.12.2018


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Aktualisierung: 18.12.2018