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Der Ausverkauf der ostdeutschen Glasindustrie
Das Beispiel Ilmenau und Weisswasser

von Dieter Sprock


Mehr als 17 Jahre nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes ist Deutschland weiter denn je davon entfernt, die «Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse» herzustellen, wie es Artikel 72 formuliert. Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland – zum Teil mehr als 20 Prozent – und das Aussterben ganzer Regionen als Folge der Plünderung des einstigen Volkseigentums durch den Westen zeugen von einer finsteren Ignoranz gegenüber dem Verfassungsgebot und den sozialen Rechten der Menschen. 18 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer sehen sich viele Ostdeutsche in ihrer Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse getäuscht. Sie fühlen sich zu Recht betrogen. Einstige Anschlussgegner sehen ihre schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Und nur wenige zählen sich zu den Gewinnern.
So lautet das Fazit aus zahlreichen persönlichen Gesprächen, die ich in Thüringen und Sachsen, namentlich in Ilmenau und Weisswasser, zwei ehemaligen Zentren der Glasindustrie, führen konnte. Ich habe an beiden Orten mit ehemaligen Arbeitern und leitenden Angestellten der Glasindustrie gesprochen, mit Behördenvertretern, Sozialarbeitern, Pfarrern, Lehrern, Hausfrauen, Unternehmern, Gewerbetreibenden und anderen. Sie werden ausführlich zu Wort kommen.
In einem einleitenden allgemeinen Teil wird der Zustand der DDR-Wirtschaft vor dem Beitritt beleuchtet und dargestellt, welche Rolle der Westen bei der Plünderung Ostdeutschlands gespielt hat. Anschliessend folgen Auszüge aus den Gesprächen in Ilmenau. Die Beiträge aus Weisswasser folgen in einem zweiten Teil der Reportage in einer der nächsten Ausgaben.

Für zahlreiche Ostdeutsche ist nach der Wende nicht nur die erhoffte materielle Besserstellung ausgeblieben – ihre erste und andauernde Erfahrung mit dem Westen war der Verlust der Arbeitsstelle –, sondern sie fühlen sich auch als Menschen und Mitbürger im Westen wenig willkommen. Viele Westdeutsche begegnen ihnen bis heute mit Argwohn und Vorurteilen, manchmal sogar die eigene Familie.
Die Menschen im Westen haben oft keine Fragen. Sie glauben, über den Osten alles zu wissen, ohne sich je kundig gemacht zu haben. Nicht wenige Ostdeutsche beklagen die westliche Überheblichkeit und das mangelnde Interesse, was auch in dem folgenden Brief aus Weisswasser zum Ausdruck kommt, der mich am Tag meiner Rückkehr erreichte: «Bitte erzählen Sie von Ihren Erlebnissen möglichst vielen Menschen! Ich halte es für wichtig, dass Menschen in anderen Regionen davon wissen, dass hier nicht das Licht ausgeknipst ist, dass viel Bewahrenswertes und noch mehr kreatives Potential in der Lausitz steckt – trotz oder vielleicht gerade wegen der vielen Enttäuschungen und Probleme, denen die Menschen hier ausgesetzt waren und sind.» In der Tat haben die Menschen in den neuen Bundesländern in den vergangenen 18 Jahren Enormes geleistet, was sichtbar wird, wenn man das Land bereist.
Wenn im Westen die Rede auf die ehemalige DDR kommt, sind zuvorderst der Gedanke an Diktatur, die angebliche Pleite der DDR-Wirtschaft und die Höhe der Transferzahlungen vom Westen an den Osten und damit verbunden die Meinung, dass die Bürger der ehemaligen DDR auf Kosten der westlichen Steuerzahler leben würden. Eine solche Sicht verhindert, dass wirkliche Solidarität zwischen den Menschen in West- und Ostdeutschland entstehen kann. Wer sich der DDR-Kritik nicht vorbehaltlos anschliesst, wird pathologisiert. Ihm werden «nachhinkende mentale Entwicklung» und «DDR-Nostalgie» vorgeworfen.

War die DDR-Wirtschaft wirklich pleite?

Die zahllosen Betriebsschliessungen nach der Wende und die daraus resultierende enorm hohe Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland werden im Westen als Folge der DDR-Misswirtschaft und ihrer Pleite dargestellt. Dieser Darstellung widersprechen die Fakten. Siegfried Wenzel* widerlegt in seinem ausgezeichneten Buch: «Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben?»1 das politisch motivierte Klischee von der Pleite der DDR und zeichnet ein differenziertes Bild der ökonomischen Situation am Ende der achtziger Jahre. Dabei stützt er sich fast ausschliesslich auf bundesdeutsche Quellen.
Es trifft zwar zu, dass in der DDR vieles veraltet und sanierungsbedürftig war, auch war die Arbeitsproduktivität im Vergleich zur Bundesrepublik niedrig, doch von Pleite kann keine Rede sein: Laut Bericht der Deutschen Bundesbank vom August 1999 verfügte die DDR Ende 1989 über Geldreserven von «29 Milliarden Valuta-Mark» (D-Mark). Dieser Betrag deckte 59% der Auslandverschuldung ab. (Wenzel, S. 25) Die Pro-Kopf-Verschuldung der DDR-Bürger lag mit rund 7000 DM nicht einmal bei 50% von derjenigen der alten Bundesländer, die sich auf 15000 DM belief. Mit einem Bruttoinlandprodukt von über 16000 DM (etwa 8000 Ecu [von 1972 bis 1998 Rechnungseinheit der Europäischen Gemeinschaft]) pro Einwohner lag die DDR 1988 im Vergleich zu den Mitgliedsländern der Europäischen Gemeinschaft auf Platz 9, hinter England mit knapp 10000 Ecu, aber vor Spanien mit rund 6000 und Portugal mit nur 3000 Ecu. (Wenzel, S. 64) Das gesamte Produktivvermögen der DDR – bestehend aus Sachanlagen, Vorräten, Grund und Boden sowie der Summe aller Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen der Arbeitskräfte wie auch der Handelsbeziehungen – betrug 1989 1,2 bis 1,5 Billionen Mark. Detlev Rohwedder, der Präsident der Treuhand, bezifferte den Vermögenswert der DDR auf 600 Milliarden DM für die «Grundmittel», das heisst ohne Grund und Boden. (Wenzel, S. 170)
Zur treuhänderischen Verwaltung dieses beträchtlichen Vermögens gründete die Modrow-Regierung am 1. März 1990 die Treuhandanstalt. Diese sollte sicherstellen, dass das gesamte Vermögen der DDR den Bürgern dieses Staates gehört. Doch bereits am 17. Juni wurde von der neugewählten Volkskammer unter der Regierung de Maizière das Treuhandgesetz beschlossen, welches im ersten Satz des §1 festschreibt: «Das volkseigene Vermögen ist zu privatisieren.» Mit dieser Forderung aus Bonn und der raschen Einführung der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli war das Schicksal der DDR-Wirtschaft besiegelt. (Wenzel, S. 130)
Die Bundesregierung drängte auf die schnelle Einführung der D-Mark, obwohl ihr die Folgen bekannt waren. Mit der überstürzten Einführung der D-Mark brach  die DDR-Wirtschaft schlagartig zusammen. Der Osthandel, der bisher in Rubel abgewickelt wurde, fiel praktisch weg, und im Westen verteuerten sich die Waren aus Ostdeutschland derart, dass sie nicht mehr konkurrenzfähig  waren. 70% der Unternehmen gerieten in eine Konkurslage. Auf diese Weise wurden 2 bis 2,5 Millionen Arbeitsplätze vernichtet; das entspricht einer Arbeitslosenquote von etwa 30%. (Wenzel, S. 106)
Detlev Rohwedder, der am 29. August 1990 zum Präsidenten der Treuhand berufen wurde, wollte die ostdeutschen Industriestandorte erhalten und dazu einige Betriebe für längere Zeit in einen «Sektor öffentlichen Eigentums in privater Rechtsform» überführen. Er stimmte dem Vorschlag von Phillip Rosenthal zu, «allen ostdeutschen Arbeitern 10 bis 15% ihrer Firma abzugeben», und er rechnete damit, «dass es noch in zehn Jahren Staatsbetriebe in grossem Umfang gibt». (Wenzel, S. 132f.) Detlev Rohwedder wurde am 1. April 1991 in seinem Haus in Düsseldorf erschossen.
Birgit Breuel, seine Nachfolgerin, vollzog eine strategische Kehrtwende, die das Todesurteil für den Hauptteil der DDR-Industrie bedeutete. Dazu schreibt Siegfried Wenzel: «Oft wurde für grosse Unternehmen nur eine symbolische Mark verlangt, und den Übernehmern wurden dazu noch angebliche Altlasten erstattet, Investitionsbeihilfen und Verlustausgleichsbeträge gezahlt. Viele Käufer wurden hinsichtlich ihrer Solidarität und voraussichtlichen Absichten nicht einmal einer normalen kaufmännischen und personellen Routinekontrolle unterzogen. Das Buch von M. Jürgs, ‹Die Treuhändler›, mit dem bezeichnenden Untertitel ‹Wie Helden und Halunken die DDR verkauften›2 listet Dutzende solcher Beispiele auf.» (Wenzel, S. 135) Die Treuhandanstalt, die im Auftrag des Bundesfinanzministeriums tätig war, verscherbelte 95% des ehemaligen DDR-Vermögens an Nicht-DDR-Bürger und zahlte ihnen zusätzlich noch Fördergelder aus Steuereinnahmen Gesamtdeutschlands, auch der Ostbürger. Die Privatisierung der DDR-Betriebe diente vornehmlich den Interessen der westdeutschen Unternehmen. Sie wurde im Stil einer «feindlichen Übernahme» vollzogen.

Lebt der Osten auf Kosten westlicher Steuerzahler?

«Kaum eine Erscheinung im Vereinigungsprozess der beiden deutschen Teilstaaten hat eine solche medienpolitische und emotionale Rolle gespielt wie der Umfang der Finanztransfers von West nach Ost. Da machte 1998/1999 die Zahl von 1 Billion DM die Runde, die angeblich seit 1990 aus den alten in die neuen Bundesländer geflossen sein sollen. Da ist von einem ‹Tropf› die Rede, an dem die neuen Bundesländer hingen. Da wird von Opfern der Menschen aus den alten Bundesländern gesprochen, die man langsam wieder abbauen müsste», schreibt Siegfried Wenzel (S. 175).
Real handelt es sich nach verschiedenen Quellen um die immer noch beachtliche Summe von etwa 400 Milliarden D-Mark, die von 1990 bis 2000 vom Westen für den Vereinigungsprozess gezahlt wurde, allerdings nicht als Geschenk an die Bürger der ehemaligen DDR. Das meiste floss in die westdeutsche Wirtschaft. Bei der Bewertung der Transformationszahlungen muss ausserdem bedacht werden, dass die DDR die Reparationszahlungen an die UdSSR, eine Kriegsschuld des ganzen deutschen Volkes, nahezu alleine bestritten hat.
Unmittelbar nach Kriegsende begann die UdSSR, die zweifellos den grössten Kriegsschaden erlitten hatte, in der Sowjetischen Besatzungszone mit der Demontage und dem Abtransport der noch vorhandenen Betriebe und Einrichtungen. Ganze Industrieanlagen, Maschinen, Baustoffe sowie Tausende Kilometer Eisenbahnschienen wurden demontiert und als Entschädigung für die erlittenen Kriegsschäden abtransportiert. 1946 wurden 200 der wichtigsten Produktionsbetriebe in sogenannte sowjetische Aktiengesellschaften umgewandelt, und bis 1953 wurden jährlich durchschnittlich 22% der laufenden Produktion in die Sowjetunion abgeführt. Auch die BRD musste Reparationen zahlen. Doch stehen den 99 Milliarden DM der DDR nur 2 Milliarden DM der Bundesrepublik gegenüber, jeweils zu Preisen von 1953. Der Bremer Wissenschaftler Prof. A. Peters errechnete daraus eine Reparations-Ausgleichsschuld der Bundesrepublik gegenüber der DDR von rund 700 Milliarden DM, womit er sagen wollte, dass es sich bei den Transferleistungen des Westens keineswegs um eine «altruistische Hilfe» handelte, sondern um die Rückzahlung eines «Treuguts», eines gesparten Kapitals, mit dem Westdeutschland fast 50 Jahre arbeiten konnte. (Wenzel, S. 44)
Die mit Steuergeldern finanzierten Fördermittel kamen vor allem der westdeutschen Wirtschaft zugute. Ihr eröffnete sich mit der Übernahme der DDR und ihrer Handelsbeziehungen ein Markt von mehr als 16 Millionen neuen Konsumenten, allein in Ostdeutschland. Westdeutsche Finanzinstitute, Handelskonzerne und Kaufhausketten übernahmen die Finanz-, Lebensmittel- und Konsumgüterversorgung. Die Konkurrenz wurde aufgekauft und durch Betriebschliessungen ausgeschaltet.  Strassen- und Häuserbau sowie die Sanierung ganzer Städte und der Aufbau neuer Industrien wurden zum dringend notwendigen Konjunkturprogramm für die lahmende Westwirtschaft; subventioniert mit Steuergeldern!
Der heutige Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Harald Ringstorff, stellt 1996 fest, «dass die Förderung der ostdeutschen Wirtschaft zu 80% an Unternehmen im Westen zurückfliesst». Und der ehemalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau spricht sogar vom «grössten Bereicherungsprogramm für Westdeutsche, das es je gab». Deutsche Bundesbank Research schreibt im September 1996, «dass die westdeutsche Wirtschaft insbesondere in den Jahren 1990 bis 1992 stark von der Maueröffnung und der deutschen Vereinigung profitieren konnte». Sie verzeichnet eine «reale Wachstumsrate von gut 4%» und eine Zunahme der Erwerbstätigen «um fast 1,8 Millionen». (Wenzel, S. 162) Den 1,8 Millionen neuen Stellen im Westen steht die Vernichtung von 3 Millionen Arbeitsplätzen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gegenüber. Siegfried Wenzel spricht von einer «gigantischen Enteignung» der Bevölkerung der DDR und fügt hinzu, dass die Inbesitznahme eines solchen Marktes von heute auf morgen bisher nur nach gewonnenen Kriegen und Eroberungen von Kolonien möglich gewesen sei.

Die sozialen Verwerfungen im Osten Deutschlands betreffen uns alle

Die Rolle des Westens bei der Auflösung der DDR wirft Fragen nach den Grundlagen der westlichen Wirtschaft und Politik auf. Die Wirtschaft und die Politik der westlichen Länder werden seit langem von einer Ideologie beherrscht, deren oberstes Ziel das Streben nach Gewinn ist. Beide dienen nicht mehr dem menschlichen Wohl und der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, sondern der Mehrung von Rendite und Macht. Zur Durchsetzung ihrer Ziele sind sie bereit, überall in der Welt Kriege zu führen und die Menschen ins Elend zu stürzen. Geld und Profit bestimmen die Politik und zerstören das Vertrauen der Bürger in die demokratischen Einrichtungen und der Menschen untereinander.
Die sozialen Verwerfungen im Osten Deutschlands betreffen uns alle. Was dort Anfang der 90er Jahre in einem gigantischen Ausmass passiert ist, passiert seither jeden Tag auch im Westen, wenn Betriebe verkauft und geschlossen werden, Arbeiter ihre Stelle verlieren, weil ihre Arbeitsplätze wegrationalisiert oder ins Ausland verlegt wurden und ganze Produktionszweige dem sogenannten Strukturwandel zum Opfer fallen: Inzwischen nimmt die Armut auch in den reichen westlichen Ländern immer mehr zu, während gleichzeitig die Gewinne einiger weniger in die Höhe schnellen.
Viele, mit denen ich in Thüringen und Sachsen gesprochen habe, wissen sehr wohl, dass die Probleme im Osten Deutschlands mit der Armut und dem Hunger in der Welt zusammenhängen und dass die menschenverachtenden Kriege um Rohstoffe und geo-politische Dominanz Folgen einer Wirtschaft sind, die ausser Rand und Band geraten ist.

Ilmenau, Weisswasser und die Glasindustrie

Das thüringische Ilmenau wie auch das sächsische Weisswasser waren im 19. und 20. Jahrhundert Glasmacherorte von europäischer Bedeutung. In Ilmenau wurde die erste Glashütte bereits 1675 gegründet, und seit 1852 ist die Glasindustrie dort ununterbrochen beheimatet.3  Auch in Weisswasser kann die Glasindustrie auf eine lange Tradition zurückblicken. Hier beginnt ihre Geschichte mit dem Bau der ersten Glashütte im Jahre 1872. Um die Jahrhundertwende 1899/1900 war Weisswasser «das grösste Glasindustrie-Zentrum der Welt».Voraussetzung für diese Entwicklung war das Vorkommen von Quarzsand, dem Hauptrohstoff, und ausreichendem Brennmaterial, anfänglich Holz oder Kohle.
Während sich Ilmenau mit dem Fortschreiten der industriellen Produktion auf Industrieglas spezialisierte – Messgeräte (Thermometer), Labortechnik und industrielle Glasinstrumente –, wurde in Weisswasser vor allem Haushalts- und Verpackungsglas produziert. Die Firma Osram fertigte in Weisswasser von 1920 bis gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Glaskolben für Glühlampen und andere technische Spezialgläser.
Die Entwicklung der beiden Städte ist eng mit der Glasindustrie verbunden. Glashütten prägten das Stadtbild. Glasfachschulen sorgten für genügend Nachwuchs an gut ausgebildeten Facharbeitern und Ingenieuren. Das Handwerk des Glasmachers wurde vom Vater auf den Sohn übertragen, und die Glasprodukte waren nicht nur Handelsware, sondern der Stolz der Menschen in der Region.
In Ilmenau beschäftigte die Glasindustrie um 1980 zeitweise über 4000 Mitarbeiter. Dazu kamen etwa 3000 Beschäftigte in der Porzellanherstellung. Im gleichen Zeitraum arbeiteten in Weisswasser über 5000 Angestellte in der Glasindustrie und weitere 5000 in der Braunkohleförderung mit dem dazugehörigen Kraftwerk Boxberg, heute Vattenfall.
Mit der Übernahme der DDR-Wirtschaft und aller Handelsbeziehungen durch die Wirtschaft der Bundesrepublik wurde der Glasindustrie in Weisswasser und Ilmenau der Garaus gemacht. In Weisswasser schrumpfte die Zahl der Beschäftigten in der Glasindustrie von 5000 auf heute noch 300 und im Energiebereich von ebenfalls 5000 auf 600. Von den insgesamt 7000 Arbeitsplätzen in der Glas- und Porzellanindustrie in Ilmenau blieben gerade mal 400 übrig. Parallel dazu ging die Einwohnerzahl in beiden Städten drastisch zurück: in Ilmenau von knapp 30000 auf 21000 und in Weisswasser von über 38000 auf 20000, Tendenz sinkend. Trotz dieser enormen Abwanderung beträgt die Arbeitslosigkeit in Ilmenau heute immer noch 14% und in Weisswasser sogar mehr als 20%. •

1    Siegfried Wenzel. Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben? Versuch einer Abschlussbilanz. 7. Auflage, 2006, ISBN 3-360-00940-1
2     Michael Jürgs. Die Treuhändler. Wie Helden
und Halunken die DDR verkauften. 1997,
ISBN 3-471-79343-7
3     Glas in Ilmenau, 1998, Herausgeber: Förder- und Freundeskreis Ilmenauer Glasmuseum e.V
4     Glashütten in Weisswasser, 2005,
ISBN 3-89702-771-2

«Ilmenau ist ein Ort technisch-wissenschaftlicher Entwicklung, die bis heute Bestand hat»

Die folgenden Beiträge geben die Äusserungen und Gedanken meiner Gesprächspartner in Ilmenau wieder. Sie sprechen für sich.

    «[…] Das ehemalige Glas steht für ein Stück Ilmenauer Industriegeschichte: Wir wollen nicht nur Nostalgie betreiben, sondern auch nach vorne schauen. Es gibt neben dem Thüringer Wald keine Region auf der Welt, in der eine solch breite Palette an Glasprodukten produziert wird.»

«Die Ilmenauer Universität war eng mit der Glasindustrie verbunden»

[…] Zwischen der Ilmenauer Universität, damals noch Technische Hochschule, und den Universitäten Russlands und anderer Ostblockländer bestanden enge Verflechtungen und eine intensive wissenschaftliche Zusammenarbeit, die bis heute andauert. Die Ilmenauer Universität wiederum war eng mit der Glasindustrie verbunden.
Das Ilmenauer Glaskombinat bestand aus 4 grossen Kombinaten: Technische Glaswerke Ilmenau, Flachglas Torgau, -Gebrauchsglas Lausitz (Weisswasser) und -Glasseide Oschatz (Sachsen). Das Gross-kombinat bestand von 1969 bis 1990 und beschäftigte etwa 12600 Mitarbeiter, davon etwa 5000 im 1975 errichteten Stammwerk am -Vogelherd in Ilmenau.
Vor der Wende bestanden die Technischen Glaswerke Ilmenau aus 11 Tochtergesellschaften, nachher wurden sie von der Treuhand in Glasring Thüringer AG umbenannt, einer Holding mit 19 Tochtergesellschaften. Die Treuhand war einziger Gesellschafter. Sie hat Tochtergesellschaften für nichts aus der Holding herausgekauft und anschliessend einzeln verkauft, in der Regel an Wettbewerber, also an die Konkurrenz. Insgesamt -wurden 96 kleine Firmen ausgegründet. Viele dieser Einzelgesellschaften waren leistungsfähig und haben bis heute überlebt.

«Die Restrukturierung war für uns ein schmerzlicher Prozess»

Wir wollten eine faire Abwicklung, aber wir wurden behandelt, als wären wir der letzte Dreck. Wir hatten auf gewisse Abläufe keinen Einfluss. Natürlich gab es Firmen, die marode waren, aber auch diese verfügten über ein unglaubliches Know-how, das wurde genauso mitverkauft, für nichts. Wir wollten einen fairen Preis, und das Geld sollte wieder in der Region investiert werden. Die Restrukturierung war für uns ein schmerzlicher Prozess, und wir können immer noch nicht glauben, was passiert ist.
Wir wurden einmal von einer Reisegruppe westdeutscher Lehrer gefragt, was mit ihrem Geld, also den westdeutschen Subventionen, in der ehemaligen DDR passiert sei. Wir antworteten ihnen mit folgendem Bild: «Wenn zum Beispiel ein Konzern in der DDR 300 Mio. Gewinn an den Staat ablieferte, blieben 150 Mio. beim Staat und 150 Mio. kamen für Investitionen zurück. Der Staat baute mit dem Geld Häuser. Diese standen nach der Wende leer und wurden für eine Mark verschenkt, an Privatpersonen und Firmen. Stellen Sie sich vor, wenn nur der wirkliche Wert der Objekte bezahlt worden wäre, hätten wir keine Fördergelder gebraucht.»

«Technologie-Region Ilmenau»

Nach Auflösung der Treuhand blieb noch eine Aktiengesellschaft für die Abwicklung der Immobilien übrig. Dieser Aktiengesellschaft gehört auch das Gelände des Ilmenauer Glaswerkes, ein riesiges Gelände. Die Fabriken wurden bis auf einen kleinen Rest abgerissen und das Gelände für neue Projekte erschlossen.
Auf diesem Gelände wird in Zusammenarbeit mit der Universität, die international grosses Ansehen geniesst, die Technologie-Region Ilmenau entwickelt. Die Zukunft von Ilmenau liegt in der Zusammenarbeit von Universität und Wirtschaft. Nach der Ausbildung sollen junge Unternehmer im Technologie- und Gründerzentrum ein Netzwerk finden, das den Austausch erleichtert und die Firmengründung unterstützt. Das Technologie- und Gründerzentrum bietet grosse und kleine Flächen, gebündeltes Wissen und hochinnovative Leute. Als nächster Schritt soll die Technologieregion Ilmenau bis an die Grenze von Erfurt erweitert werden …

«Wir wollten keinen Anschluss, sondern eine neue gemeinsame Verfassung»

[…] Als Betriebsratsvorsitzender vertrat ich die Interessen der Arbeitnehmer und der Arbeitsgemeinschaft der Betriebsräte. Die Arbeiter haben nicht für die Abschaffung der DDR, sondern für einen besseren Sozialismus, für Reisefreiheit und Freizügigkeit demonstriert. Die westdeutsche Fahne trat in Ilmenau erst im Dezember 89 in Erscheinung und der Gedanke der Einheit noch später. Niemand ist für die deutsche Einheit auf die Strasse gegangen. Der Vorschlag von Christa Wolf war populär: «Ein Vorschlag für den 1. Mai, die Führung zieht am Volk vorbei.» Es gab Transparente mit der Aufschrift: «Kein Anschluss unter dieser Nummer» (Paragraph 23 des Grundgesetzes). Wir wollten keinen Anschluss, sondern eine neue, gemeinsame Verfassung. Wir wollten mitreden. Schliesslich hatten wir vom Neuen Forum und viele andere Menschen die Auflösung der DDR herbeigeführt …

«Wir dachten, der Westen will uns helfen»

Die DDR-Wirtschaft war am Ende. Es wurde kein Gewinn mehr erwirtschaftet. Die Produkte wurden unter den Erstehungskosten verkauft, nur um an Devisen zu kommen. Die gestützten Preise waren nicht mehr zu halten. Die Mieten waren zu billig, um die Wohnungen zu erhalten, Brot war billiger als das Getreide und wurde verfüttert.
Die Menschen haben geglaubt, mit der
D-Mark würde alles besser. Als das nicht sofort eintraf, dachten sie, es brauche noch 4 bis 5 Jahre. Die Infrastruktur des Westens brauchte aber 40 bis 50 Jahre, um den heutigen Stand zu erreichen.
Wir dachten, der Westen will uns helfen. Da waren aber widerstreitende Interessenlagen: Roland Berger wollte der Holding eine Chance geben und neue Konzepte entwickeln. Die elektrische Schmelze war technisch hochwertig, Ilmenau war ein Renommierobjekt. Er sah in 1200 Angestellten eine produktive Grösse. Schott Mainz entschied sich für Jena. Rohwedder wollte vorsichtig sanieren und erhalten, doch nach seiner Ermordung war keine Rede mehr von neuen Konzepten.
Die Treuhand handelte nach dem Motto «teile und herrsche». Sie hat sich die verschiedenen widerstreitenden Interessen zunutze gemacht. 1994 hat der Treuhand--Liquidator Dr. Schaaf, ein Rechtsanwalt aus Frankfurt am Main, noch einen Käufer für einige Linien gefunden. Schott Mainz reichte wegen der Beihilfe- und Unterstützungszahlungen, die der Käufer erhielt, in Brüssel eine Klage wegen Wettbewerbsverzerrung ein, die erst in zweiter Instanz abgelehnt wurde.
Uns hat man immer gesagt, kein Mensch wolle dieses grosse Glaswerk kaufen. Es stellte sich aber heraus, dass PriceWaterhouse in seiner Ausschreibung vom Kauf des grossen Werkes abgeraten und nur die kleine Pilotanlage zum Kauf empfohlen hatte.
Mainz und Jena produzieren heute auch nichts mehr von dem, was damals in Ilmenau produziert wurde. Das wird heute alles bei Schott Malaysia produziert. […]

«Wir wurden nicht gefragt»

[…] Nach der Wende wurden wir Ingenieure von den Wessis wie dumme Jungens behandelt. Wir wurden nicht gefragt. Selbst in der eigenen Familie bekamen wir die Vorurteile gegen die Ossis zu spüren. Wir galten als faul, dumm und arbeitsscheu. Im Westen wusste jeder, wie es in der DDR war, ohne sich zu informieren.
Ilmenau hatte gute Techniker und zum Teil hochwertige Technik, besser als die Glasindustrie im Westen (Schott Mainz). Es gab auch marode Betriebe. Die Einführung der D-Mark zerstörte den Osthandel. Ein weiteres tat der Zerfall Russlands und des Ostblocks. Der Osthandel kam zum Erliegen. Der Bedarf im Westen wurde durch die westliche Glasindustrie abgedeckt.
Viele Ingenieure standen nicht auf der Seite der Demonstranten. Wir hatten Angst um die Werke und deren Fortbestand. Wir sahen auch, dass sich nicht die Fleissigsten und Besten hervortaten und ins Rampenlicht drängten. Wir waren sehr besorgt über die ganze Entwicklung …

«Teilhaber und Eigentümer können nur Mitarbeiter sein»

[…] In der DDR wurde die Wirtschaft über die staatliche Plankommission geregelt, was produziert wurde und wieviel, alles wurde vorgegeben. Das führte oft zu absurden Produktionsverzerrungen.
Heute dienen in Deutschland nur noch rund 20% der Arbeit der Wertschöpfung, der Rest ist Dienstleistung und unproduktive Verwaltung, also Überbau. Davon kann kein Land leben. Ostdeutschland ist das Sizilien Deutschlands.
Bei der Wende wurde alles billig verkauft. Damit wurde die Konkurrenz beseitigt.
Die Ostdeutschen gelten als faul, dumm und technisch hinter dem Stand der Zeit zurück.
Ich gründete 1990 mit 8 von meinen Leuten meine Firma. Wir fingen mit nichts an und mussten im Westen Aufträge suchen. 1991 bekamen wir die ersten Aufträge. Heute hat die Firma 20 Mitarbeiter und einen Umsatz von 6 Mio. Euro. Unsere Geräte gehen in die ganze Welt, und wir sind auf unserem Gebiet weltweit führend. Die wichtigsten Mitarbeiter sind Teilhaber der Firma. In den Satzungen ist festgelegt, dass es keine externen Eigentümer geben darf. Teilhaber und Eigentümer können nur Mitarbeiter sein. Wir wollen keine fremden Investoren und entscheiden selbst, was wir mit dem Gewinn machen. […]

«Wir mussten zwei Venture-Gesellschaften in die Firma aufnehmen»

[…] Gegen Ende der DDR herrschte eine riesige Resignation.
Die Abwicklung ging über die Consulting-Firma Roland Berger. Die Firma Schott weigerte sich, beim Glaswerk in Ilmenau mitzumachen. Sie wollte nur die Filetstücke herauslösen und die Quarzschmelze plattmachen. Es hiess, man finde keinen Privatisierer.
Wir übernahmen die Quarzschmelze. Management-Buy-out nannte man das Abwicklungskonzept. Dabei übernehmen die Manager zusammen mit einem Bankenkonsortium die Mehrheit der Aktien. Aber die Leute von der Treuhand sagten uns, den erfahrenen Ingenieuren, wir seien zu unerfahren und bräuchten noch erfahrene Leute aus dem Westen. Wir mussten zwei Venture-Gesellschaften in die Firma aufnehmen, die anfänglich alles Gute für die Firma versprachen, die aber jetzt den Betrieb an die Börse bringen wollen. […]

«Die Treuhand war die Vermittlungsstelle zu den westdeutschen Konzernen»

[…] Ich war erst noch ein halbes Jahr Kurzarbeiter, dann wurde ich entlassen. Das war bitter mit 57 Jahren. Ich war dann zwei Jahre arbeitslos. In dieser Zeit habe ich eine Umschulung gemacht und anschliessend in der Erwachsenenbildung gearbeitet.
Im Glaswerk sind von 11 Produktionslinien nur noch 2 übriggeblieben, alles andere wurde ausgegliedert oder liquidiert. Schott Mainz hat über die Treuhand bestimmt: Das und das brauchen wir, das müssen wir aus Konkurrenzgründen liquidieren, das müssen wir reduzieren. Das wurde über die Treuhand so abgewickelt. Schott Mainz hat Jena übernommen, deshalb wurde Ilmenau als Konkurrenz ausgeschaltet. So ist das bei jedem Konzern geschehen. Die Treuhand war die Vermittlungsstelle zu den Interessenvertretern der westdeutschen Konzerne. Ich habe immer gesagt, der Sieger der deutschen Einheit war nur das deutsche Monopol- und Finanzkapital. Ich hasse alle diejenigen, die nach der Wende von Superkommunisten zu Manchester-Kapitalisten geworden sind. Ich wähle nach wie vor die Linke und schäme mich nicht, das zu sagen. Ich habe eine Position zu dem, was geschehen ist nach der Wende. Ich gebe doch meine Persönlichkeit nicht auf.
Ich habe in der DDR Höhen und Tiefen erlebt. Es wurden viele Fehler gemacht. Ich hatte den Mut, offen meinen Standpunkt gegen eine Fehlentscheidung zu sagen, schriftlich und mündlich. Daraufhin hat man mich von allen Funktionen entbunden. Das muss ich Ihnen sagen, weil das Konflikte waren. Ich habe die DDR nicht reibungslos überstanden, obwohl ich von der Idee überzeugt war. Es war der grösste Fehler der DDR-Politik, dass alle, die keine Kopfnicker waren, liquidiert wurden.

«Darin besteht das grösste Betrugsmanöver aller Zeiten»

Rohwedder hat eine Woche vor seinem Tod in einem Artikel in der Wirtschaftswoche wörtlich formuliert: «Ich habe als Leiter der Treuhand in Berlin 650 Milliarden Volkseigentum zu verwalten, schrittweise zu sanieren und zu privatisieren.» Eine Woche später wurde er erschossen. Ich bezweifle, dass es die RAF war. Der hat versucht, systematisch was zu machen. Ein Vierteljahr später behauptet seine Nachfolgerin, die Breuel, in der gleichen Wirtschaftswoche, sie habe als Treuhand-Chefin von Berlin 200 Milliarden Schulden übernommen. Jetzt erklären Sie mir mal, wie das möglich ist. Darin besteht das grösste Betrugsmanöver aller Zeiten, das sage ich Ihnen ganz ehrlich. Viele haben grössere Betriebe für 1 Mark bekommen. Und das war nicht alles Mist, was wir hatten. Wir hatten natürlich nicht die Produktivität der westdeutschen Betriebe. Es muss-ten neue Betriebe aufgebaut werden, und es wird noch Generationen dauern, bis die deutsche Einheit wirklich vollzogen ist. Das muss man auch real einschätzen.
Es gab schon eine Reihe von echten wirtschaftlichen Problemen. Zum Beispiel in der Strumpfindustrie im Chemnitzer Raum haben wir Damenstrümpfe für 0,1 Devisenrentabilität in den Westen verkauft. Und drüben haben sie das grosse Geschäft damit gemacht. Wir haben aber auch Landmaschinen und Textilmaschinen für 2,0 Devisenrentabilität verkauft. Solche Unterschiede gab es. In der Glasindustrie hatten wir zum Beispiel eine gute Rentabilität, bis auf gewisse Qualitätsfragen waren wir immer konkurrenzfähig.

«Im Hintergrund steuert die Rüstungs- und Ölindustrie»

Ich lese jeden Morgen drei Zeitungen, um mir ein Bild über die Weltgeschichte zu machen. Ich vertrete zum Beispiel den Standpunkt, der Putin hat vollkommen recht, wie er jetzt auftritt gegen die Stationierung der Raketen in Polen und der Tschechei. Wir befinden uns im Moment mit dieser Stationierung in einer neuen Phase des beginnenden kalten Krieges.
Däubler-Gmelin, die ehemalige Justizministerin, hat mal die Methoden von Bush mit denen von Hitler verglichen. Darauf wurde sie über Nacht abgesetzt. Ich betrachte den Bush als noch viel schlimmer in seiner Art, wobei er ja bloss eine Fassade ist. Im Hintergrund steuert die Rüstungs- und Ölindustrie. Die bestimmt die ganze Weltpolitik. Der Irak ist doch nur eine Ölfrage, Afghanistan ist nur eine Ölfrage, Iran wird nur eine Ölfrage sein. Das ist meine subjektive Meinung dazu, aber so sehe ich das. Und diese Macht der Ölindustrie hat ein neues Feindbild gesucht, das ist der Terrorismus. Aber mit jeder Aktion, die man gegen den Irak oder Afghanistan macht, tritt noch Schlimmeres ein als in Vietnam passiert ist. Sie schüren den Terrorismus selber durch die Widersprüche in der Welt zwischen arm und reich. […]

«Den Kindern wurde viel geboten»

[…] Ich war Lehrerin und habe 6 Kinder grossgezogen. In der DDR konnte man trotzdem in Ruhe arbeiten. Den Kindern wurde viel geboten (Ferien- und Freizeitangebote), alle konnten studieren, es gab die Berufsausbildung mit Abitur. Heute kostet alles Geld, und nicht wenig. Bei der Wende wurden von heute auf morgen Lehrer und Angestellte entlassen. Ich konnte mich wehren und meine Stelle bis zur Pensionierung behalten. Nach der Pensionierung habe ich mich sozial engagiert.
Die Industriebetriebe in Ilmenau wurden zur DDR-Zeit von polnischen Arbeitern aufgebaut. Die Betriebe waren bei der Wende nicht alle veraltet. Eine Tochter arbeitete bei dem grössten westdeutschen Glashersteller Schott in Mainz. Sie berichtete, dass ihre Maschinen weniger modern waren als unsere in Ilmenau. Ilmenau hatte die modernsten Maschinen aus England und überall her. […]

«Die Schulbildung in der DDR war komplexer als die heutige»

[…] Ich habe alle Schulen in der DDR gemacht. Eigentlich wollte ich Lehrerin werden, doch das wurde mir nach einer Stimmprüfung verwehrt. Ich hatte Probleme mit den Stimmbändern, und in der DDR nahm man so etwas noch ernst. Ich wurde dann Bibliothekarin, und das habe ich nie bereut. Die Schulbildung in der DDR war komplexer als die heutige. Man musste alle Fächer belegen, natürlich auch Geschichte oder Geographie, und konnte nicht wie heute unliebsame Fächer abwählen. Wir hatten gute Lehrer und haben viel gelernt.
Nach der Wende hat die Einsamkeit der Menschen zugenommen. In den Dörfern leben fast nur noch alte Menschen, die Jugend ist weggegangen.
Die Bibliothek dient auch als Treffpunkt für jung und alt. Über Mittag kommen Schüler, die manchmal am Nachmittag in der Bibliothek auch ihre Hausaufgaben machen. […]

«Der Zusammenhalt unter den Menschen war besser»

[…] Die bei der Abwicklung führenden Leute sind verbittert. Sie hatten keine Chance, sich zu beweisen. Es war ein Bruch, alles war nichts mehr wert.
Der Export ist weggebrochen, und der deutsche Markt war bereits verteilt. Viele sind weggezogen. In der DDR wurde für die Wissenschaft mehr getan, nachher zählte die wissenschaftliche Qualifikation nichts mehr. Um ein Projekt zu verwirklichen, musste man Manager sein. Vor allem in Sachsen-Anhalt ist alles grau. Ilmenau steht als Universitätsstadt besser da.
Ich hatte 8 Kinder. Die Ausbildung kostete nichts. Der Zusammenhalt unter den Menschen war besser. Im ländlichen Raum hatte jeder einen Garten. Den Garten schätze ich heute wieder je länger je mehr, denn man weiss ja nicht mehr, wie unsere Lebensmittel produziert wurden. […]

«Viele kleine Leute, die in vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern»

[…] Für mich als ostdeutsche Ärztin war es schwierig, mir unter westdeutschen Kollegen Gehör zu verschaffen. Das gelang an einem Rheumatologenkongress zum Beispiel erst, nachdem ich den Herren entschieden gesagt hatte, sie müssten sich daran gewöhnen, dass wir nun auch mitreden würden. Mein Leitspruch lautet: «Viele kleine Leute, die in vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.»

«In der DDR haben wir uns vor der Obrigkeit gebückt, zur Wende haben wir uns aufgerichtet, und heute bücken wir uns vor dem Kapital»

[…] Ich habe bereits zu DDR-Zeiten in der Diakonie gearbeitet. Doch waren dort die Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt. In der DDR durfte es keine Alkohol- und andere Suchtprobleme geben. Sie wurden vertuscht. Meine Arbeit wurde scharf beobachtet, und ich wurde immer wieder vom Ministerium vorgeladen. Dort habe ich meine Sicht der Dinge immer offen dargelegt, und mit der Zeit wurde meine Arbeit auch besser akzeptiert. Ich habe nie hintenherum gesprochen, sondern wenn, dann offen.
Mein Sohn las immer intensiv die Zeitung und andere Schriften der DDR. Als ich ihn einmal fragte, warum er das mache, antwortete er, er müsse doch wissen, wie die anderen denken, damit er argumentieren könne. In seinem Zeugnis stand dann auch: «Andreas kann konstruktiv kritisieren.» Ich bin dankbar, dass er in der DDR in die Schule gehen konnte, obwohl wir als Christen Einschränkungen in Kauf nehmen mussten. Die Bildung und die Wissenschaft waren in der DDR sehr wichtig. Die guten Schüler waren Unterrichtshilfen. Sie durften anderen helfen. Man lernte miteinander und kümmerte sich um den anderen. Schulklassen halfen älteren Menschen und machten anderes für die Gemeinschaft. Das Miteinander hat mein Sohn später im Studium an der Universität sehr vermisst. Jeder schaute nur noch für sich.
Nach der Wende war die Arbeitslosigkeit ein Sturz in die Tiefe. Vor allem die Frauen mittlerer Jahrgänge hatten das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Viele erlebten die Arbeitslosigkeit als persönliches Versagen und persönliche Schande. Sie litten an mangelndem Selbstvertrauen. Als «Fluchthelfer» dienten Fernsehen, Alkohol, Drogen und andere Fluchtmittel. Nach der anfänglichen Aufbruchstimmung hat sich heute Lethargie breitgemacht.
Man hat den Menschen, auch mir, das Blaue vom Himmel versprochen, aber nichts wurde umgesetzt: Ich sollte eine Sozialstation aufbauen, alles sollte professionell werden. Spenden von verschiedenen Ländern, Autos und Angestellte sollte ich bekommen. Nachher wusste niemand mehr etwas von den Versprechungen.
Mit der Auflösung der DDR wurde auch in Westdeutschland die soziale Marktwirtschaft durch eine neue Form des Raubtierkapitalismus verdrängt. Die soziale Marktwirtschaft hatte nur so lange Bestand, wie die Angst vor dem Sozialismus vorhanden war. Als diese Angst weg war, kam im Westen die Wende. Die modernen Betriebe der Bundesrepublik haben die Betriebe im Osten ausgeraubt und dann gesagt, ihr könnt ja nichts. Doch die Facharbeiter aus der DDR waren im Westen sehr geschätzt und wurden abgeworben. Ich sage manchmal: «In der DDR haben wir uns vor der Obrigkeit gebückt, zur Wende haben wir uns aufgerichtet, und heute bücken wir uns vor dem Kapital. Nur ist es heute noch schlimmer.»

«Meine diakonische Arbeit geht vom christlichen Menschenbild aus»

Ich arbeite nun 33 Jahre in meinem Beruf. In der DDR hatte ich 300 Mark Lohn. Da habe ich den Garten angebaut und genäht, um die Familie über Wasser zu halten – ich hatte Schneiderin gelernt. Nach der Wende wurde mein 4½ jähriges Studium zur kirchlichen Fürsorgerin zunächst nicht anerkannt. Ich musste noch eine Nachgraduierung zur Dipl.-Sozialarbeiterin machen. Unsere Referenten haben uns am Ende des Nachstudiums gesagt, sie hätten noch nie in ihrem Leben eine so interessierte, engagierte und ausdauernde Zuhörerschaft gehabt.
Meine diakonische Arbeit geht vom christlichen Menschenbild aus, das heisst, im Mittelpunkt meines Dienstes steht der Mensch als Ebenbild und Geschöpf Gottes. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch von Gott gewollt und geliebt ist. Dies verpflichtet mich, die Würde und die Bedürfnisse des anderen zu achten. Ich sehe den Menschen als einmalige Persönlichkeit.
Mit meiner Arbeit will ich Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Ich versuche, die Menschen wieder in die Arbeit zu bringen, und leite sie an, anderen zu helfen. Um die Menschen aus ihrer Isolation herauszuholen, habe ich die Teestube mit Nähstube und Kleiderkammer und die «Tafel» gegründet, wo wir monatlich 600 Essen ausgeben. Ich habe heute 40 bis 60 ehrenamtliche Mitarbeiter, ohne die das alles nicht möglich wäre. Es gibt eine Suchtberatungsstelle und ein betreutes Wohnen für suchtkranke Männer. Wir haben eine Sozialstation für häusliche Krankenpflege. Ich berate Paare und Familien, führe eine Gruppe für Depressive und leite seit 17 Jahren eine Pfarrergruppe für Fallbesprechungen. […] •

Quelle: Zeit-Fragen (Zürich) Nr. 15 vom 07.04.2008


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Aktualisierung: 13.04.2008