Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
G
lasmuseum Weißwasser !

Museum

Service

Mitgliederbereich

Vom Eiffelturm in den Neufertbau
Weißwasser soll hippes Reiseziel für Architekturliebhaber werden. Dabei hilft nun ein Bundesprogramm

Von Thomas Staudt


Wegen des Eiffelturms nach Paris oder wegen der Reichstagskuppel nach Berlin? Architekturbegeisterte nehmen auf ihrem Weg so einiges mit. Oder sie fahren gezielt dorthin, wo das Besondere lockt. Nach Weißwasser zum Beispiel. Spielt die Stadt im Vergleich mit den Hauptstädten dieser Welt in Sachen Baukultur bisher noch nicht mal eine Nebenrolle, ist in Weißwasser dennoch die Bühne bereitet für alle, die hochwertige Architektur einem gut ausgestatteten Museum oder einer schicken Shopping-Mall vorziehen. Die Namen der Architekturstars lauten Villa Kind, Neufert-Bau, Gelsdorfhütte oder Spezialglaswerk Einheit, heute Telux.

Das hat man im Rathaus längst erkannt und nun Mitstreiter ins Boot geholt. Sie heißen Sauerland. ExWoSt oder Pinkepank. Klingt nach Clownerie, riecht aber verdammt nach Zukunft. Alle sind Teil eines Forschungsvorhabens. Es heißt Experimenteller Wohnungs- und Städtebau (ExWoSt) und wurde vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) aufgelegt. Eines der Forschungsfelder nennt sich „Baukultur und Tourismus". Das Lausitzer Neißeland gemeinsam mit der Stadt Weißwasser repräsentiert eine von acht Modellregionen, zu denen unter anderem die Landkreise Uckermark und Barnim, Nordfranken oder der Südschwarzwald gehören. Vertreter aller Beteiligten hatten Anfang Februar bei einem ersten Treffen im Sauerland die Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen. Weißwassers Oberbürgermeister Torsten Pötzsch wurde dabei von Heidi Pinkepank vom Institut für Neue Industriekultur begleitet.

Ziel des Vorhabens ist es, in den nächsten zwei Jahren die Grundlagen für eine Förderung von historischer und moderner Architektur zu dauerhaften touristischen Anziehungspunkten zu entwickeln. Auf Deutsch: Weißwassers Schätzchen sollen ins Rampenlicht, damit aus Architekturliebhabern Touristen werden, die nicht nur gucken kommen, sondern Essen gehen, Kaffee trinken und im besten Fall auch übernachten. Im nordspanischen Bilbao ist der Plan aufgegangen. Das spektakuläre Guggenheimmuseum des US-amerikanisehen Stararchitekten Frank O. Gehry zieht so viele Besucher an, dass heute nicht nur die Stadt selbst, sondern die ganze Region einen Aufschwung erlebt. Ein Vertreter Bilbaos hat über die Veränderungen im Rahmen anderer Weißwasseraner Projekte - Trafo WSW, Perspektive(n) Weißwasser - im Herbst vergangenen Jahres berichtet.

In der Lausitz stehen die Industriearchitektur und die Industriekultur im Mittelpunkt. Potenzial sehen Fachleute wie Holger Schmidt, Professor von der TU Kaiserslautern, vor allem im Neufert-Bau. Der schwer ruinöse Lagerbau mit seiner Stahlskelettbauweise stand in seiner Entstehungszeit in den 30er Jahren für Hightech im Bauwesen. Sein Architekt, Ernst Neufert, entwarf eine Baulehre, die noch heute Standards setzt.

Die Verbindung zu Wilhelm Wagenfeld ist eng. Der Produktgestalter. Designer und Bauhausschüler war ab 1935 in Weißwasser tätig und holte Neufert, den er gut kannte. in die Stadt. Das Glasmuseum bewahrt zahlreiche Entwürfe Wagenfelds. Ein Pfund, mit dem es im Hinblick auf das Bauhaus-Jubiläum - 2019 wird die Einrichtung 100 Jahre alt - zu wuchern gilt. Aber vielleicht bedeutet das Modellvorhaben auch für Bauten aus der zweiten Reihe eine zweite Chance. Dazu gehören das Volkshaus oder die Telux, in der das Jobcenter logiert und eine Ideenwerkstart entsteht.

Der Neufert-Bau und die Gelsdorfhütte oder das, was davon übrig ist, sind Rohdiamanten, die es freilich in Form zu bringen gilt, bevor sie ausstrahlen können. Das würden allerdings nicht viele in der Stadt unterschreiben. Sie halten die Bauten für schäbige Ziegelhaufen. Nicht für mehr, allenfalls für weniger.

Deshalb wird es in dem Modellvorhaben insbesondere darum gehen, ein Bewusstsein für die Baukultur der klassischen Moderne sowie für industrielle Hinterlassenschaften zu fördern. Los geht es gleich am Freitag kommender Woche. Dann machen sich Vertreter des Projekts selbst ein Bild von Weißwasser und dem, was die Stadt bauhistorisch zu bieten hat.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 11.2.2017


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail:
info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung:
12.02.2017