Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
G
lasmuseum Weißwasser !

Museum

Service

Mitgliederbereich

Zukunft ist auch Vergangenheit
Das Fenster des Glasarbeiters hat einen neuen Standort in Weißwasser. Denkmalkommission dankt allen, die das möglich gemacht haben.

Von Christian Köhler
 


 
Was es bedeutet, sich in Weißwasser persönlich für eine Idee starkzumachen und diese in die Tat umzusetzen, davon haben sich am späten Freitagvormittag mehr als 30 Gäste im Rathaus überzeugen können. Anstatt in sozialen Netzwerken zum Teil anonym zu meckern oder auf andere mit dem Finger zu zeigen, ist durch den persönlichen Einsatz von einigen Weißwasseranern nämlich ein Stück Geschichte in die Gegenwart geholt worden.

„Nur dem Wirken von Anne Petrick ist es zu verdanken, dass die Gravurfenster aus der alten Betriebsberufsschule nun im Rathaus stehen“, sagt der scheidende Vorsitzende der Denkmalkommission Karl-Heinz Melcher anerkennend. Anne Petrick selbst ist seit Jahren in dem Gremium aktiv, sagt bei der Präsentation des neuen Standortes der Fenster im Rathaus: „Zukunft braucht ein Fundament. Dieses Fundament ist unsere Vergangenheit und Geschichte.“ Wie sehr die Geschichte der Glasindustrie in Weißwasser mit der Stadt verwoben ist, zeigen nämlich die Glasscheiben aus gewalztem Glas, die einst für die Betriebsberufsschule Reinhold Greiner in der Jahnstraße – heute ist dort das Berufliche Schulzentrum (BSZ) – gefertigt wurden und nun repräsentativ das Rathaus im Inneren schmücken.

Betriebsschule Reinhold Greiner

Der Neubau der Betriebsberufsschule war 1950 erforderlich, um die Ausbildung der Glaslehrlinge noch effektiver zu machen. Zugleich wurde die zu den Oberlausitzer Glashüttenwerken (OLG) gehörende Gelsdorfhütte – Weißwassers ältester Industriebau – als Ausbildungsort mit einem Zehn-Hafen-Glasschmelzofen genutzt. (Heute ist die Gelsdorfhütte eine Ruine.) Hinzu kamen Abteilungen wie die Gemengekammer und die Hafenstube sowie die Einbinde- und Packstube. 1952 wurde auch das Internat für 110 Lehrlinge fertiggestellt.

Formgestalter Friedrich Bundtzen

Friedrich Bundtzen (* 1903 in Brühl, † 1989 in Weißwasser) war ein Formgestalter und Glasdesigner. Als Schüler von Wilhelm Wagenfeld – Weißwassers zweiter Ehrenbürger – gehörte er neben Ilse Decho, Horst Michel und Margarete Jahny zu den einflussreichsten Glasgestaltern der DDR. Er gründete 1950 in Weißwasser die Werkstatt für Glasgestaltung.

Glasschleifer Alfred Görner

Görner arbeitete von 1949 bis 1954 als Erster Schleifermeister in der Werkstatt für Glasgestaltung. Er trat den Beweis an, dass sich dickwandige Glaskörper zu Diatretgläsern durch Hinterschleifen innerhalb von vier Monaten anfertigen lassen. Diese Gläser schuf später sein Schüler Heinz Schade.

Lehrbeauftragter Konrad Tag

Konrad Tag wurde 1903 geboren. Er wurde an der Abteilung für Glasveredelung in Breslau geschult und studierte Bildhauerei an der Breslauer Kunstakademie. 1950 kam er nach Weißwasser, wo er 1954 verstarb. Er schuf die Skulptur „Glaslehrling“, die noch heute vor dem BSZ steht. Mit Bundtzen und Görner fertigte er die Gravurfenster, die nun im Rathaus zu sehen sind.

Die Fenster, die zwischen 1950 und 1951 von Alfred Görner, Konrad Tag und Friedrich Bundtzen erschaffen wurden, hätten beinah ein trauriges Schicksal erlitten. Die Schule, die einst am 1. September 1951 etwa 200 Glasmacher- und 50 Veredelungslehrlinge im ersten Jahrgang ausbildete, erhielt die neun Scheiben, auf denen ein Glasmacher eingraviert ist, für ihren Flur. Als entschieden wurde, die Glasingenieursschule an der Berliner Kreuzung zu schließen und stattdessen das BSZ in der Jahnstraße zu sanieren, fielen die geschliffenen Scheiben aus Antikglas aber nicht den Bautrupps zum Opfer. Vielmehr hatte sich die Denkmalkommission eingesetzt, die Fenstergravur einzulagern. Noch heute ist der bunte Teil der gesamten Gravur eingelagert. Aus dem Plan, diese im neuen BSZ wieder aufzustellen, wurde aber nichts. „Für uns als Kommission war es wichtig, den Platz an einem wichtigen Ort in Weißwasser zu finden, um die Erschaffer dieses Kunstwerkes zu würdigen und ein Stück Geschichte von Weißwasser wieder lebendig zu machen“, erklärt Anne Petrick.

Das Rathaus erschien dafür wie geschaffen. Allein es fehlte zunächst am Geld. 13 000 Euro, so erklärt Thomas Heinrich vom Baureferat, hat es gekostet, dass die Gravurfenster nun wieder sichtbar sind. Mit Spenden, Mitteln der Denkmalbehörde des Landkreises sowie Eigenmitteln der Stadt konnte das Vorhaben realisiert werden. „Dafür möchte ich allen Beteiligten und Unterstützern danken“, sagt Anne Petrick. Denn auch Helfer von weit her waren in die Umsetzung eingebunden: Mithilfe der Professorin für Kunstlichtplanung von der Hochschule Düsseldorf, Susanne Brenninkmeijer, wurde beispielsweise mit Licht experimentiert, um die Scheiben kunstvoll im Rathaus in Szene zu setzen.

„Wichtig ist“, so sagt Anne Petrick zum Schluss, „die Geschichte zu bewahren. Und wir als Weißwasseraner können mächtig stolz sein auf unsere einzigartige Geschichte. Bewahren wir diese Erinnerungen als Fundament für eine Zukunft, die für alle lebenswert ist.“ Was Weißwasseraner nämlich allein in Sachen Glasfertigung in der Vergangenheit erschaffen haben, das könne sich ein jeder im Glasmuseum der Stadt in der Forster Straße ansehen.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 10.03.2018


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail:
info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 10.03.2018


 

Anne Petrick und Weißwassers Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) lassen den Vorhang vor der Fenstergravur fallen. Damit, so hoffen sie, werde ein Stück ehrwürdige Geschichte von der Glasmacherstadt Weißwasser wieder erlebbar.
© J. Rehle
 
 
 
.