Weißwasser Pflastersteingroß glänzen sie in Kupfer und tragen die Namen von zumeist jüdischen Opfern des Terror-Regimes der Nationalsozialisten. Sie sind genau dort ins Pflaster eingearbeitet, wo die Deportierten und Ermordeten gelebt haben.
In
650 Städten Deutschlands sind mittlerweile weit mehr als 20
000 solcher „Stolpersteine“ verlegt worden, in Cottbus 63,
in Senftenberg 14. In Weißwasser keiner. Sie sind in der
Stadt umstritten und nicht allseitig akzeptiert, wie eine
RUNDSCHAU-Umfrage zum Jahrestag der Pogromnacht ergab.
Ginge es nach dem Weißwasseraner Heimatforscher Werner
Schubert würden bereits zwei Steine im Pflaster der Stadt
liegen. Einer in der Dr.-Altmann-Straße in Gedenken an den
Arzt Hermann Altmann, ein zweiter am Bahnhof, von dem aus die
Nazis die Weißwasseranerinnen Margarete und Gerda Pese 1942
ins Vernichtungslager Belzec deportiert haben. Aus Sicht
Schuberts waren das „einzigartige Ereignisse“, an die ständig
erinnert werden sollte. Die Idee des Kölner Künstlers Gunter
Demnig, das in Form von Stolpersteinen zu tun, hält Schubert
für gut.
Im Weißwasseraner Verein „Zukunft gestalten – ohne zu
vergessen“ hat der Heimatforscher sich bereits vor Jahren für
Stolpersteine in Weißwasser starkgemacht. Durchsetzen jedoch
konnte er sich nicht. Das würde ihm nach Ansicht der
Vorsitzenden Gudrun Albrecht auch heute wohl nicht gelingen.
„Wir haben in Weißwasser andere Formen des Gedenkens an die
Opfer des Holocaust gefunden“, sagt Gudrun Albrecht und
verweist auf den Fünf-Stationen-Gedenkpfad, der im Dezember
2010 eingeweiht wurde. Die „Stolpersteine“ hätten den
Nachteil, so die Vereinsvorsitzende, das man auf ihnen – und
damit im übertragenen Sinn auch auf den Opfern -
herumtrampeln könne.
Ähnlich sieht das Günter Segger, Vorsitzender der
Denkmal-Kommission in Weißwasser: „Auch wir haben das Thema
bereits vor Jahren intensiv diskutiert und viele Meinungen
dazu gehört.“ Entscheidend für Segger und seine
Mitstreiter war dabei die Aussage Peter Fischers vom
Zentralrat der Juden. Der, so Segger, habe auf die
Bestattungskultur der Juden hingewiesen. Auf Gräbern habe
niemand herumzulaufen. Dazu aber würden die
„Stolpersteine“ einladen. Außerdem bestehe die Gefahr,
dass die Steine geschändet und gestohlen werden könnten.
Schließlich wollen sie auch bezahlt sein, so Günter Segger.
Er schätzt ein, dass sich die Idee auch heute nicht
durchsetzen dürfte.
Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) würde darüber
zumindest diskutieren wollen. Er selbst befürworte die Idee
und auch die beiden von Heimatforscher Werner Schubert
vorgeschlagenen ersten Standorte. Gerade Dr. Altmann habe die
Stadt Weißwasser geprägt. Mit zwei Steinen, so Pötzsch, könnte
man einen Anfang machen und abwarten, welche Reaktionen sie
hervorrufen. Später könnten weitere „Stolpersteine“
folgen.
Laut einer Übersicht der Stiftung Sächsische Gedenkstätten
Dresden sind 18 jüdische Bürger aus Weißwasser Opfer des
NS-Regimes geworden. Zwei von ihnen, Sally und Rosa Teitelbaum,
starben am Tag des November-Pogroms am 10. November. Sie erhängten
sich am Fensterkreuz ihrer Wohnung in Bad Muskau, wohin sie
1930 umgezogen waren. Den Freitod wählte 1940 aufgrund fortwährender
Drangsalierungen auch Hermann Altmann. Die anderen Opfer
starben in Vernichtungs- oder Konzentrationslagern oder im jüdischen
Getto im polnischen Lodz.