Auch in Weißwasser schuf die Propaganda der Nationalsozialisten ein antijüdisches Klima, das in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Wie eine Arbeit von Heimatforscher Werner Schubert zeigt, standen Weißwasseraner den Verfolgten in ihrer Stadt aber auch bei.
So richtig zufrieden war Weißwassers Bürgermeister Karl
Wenderoth nicht mit der Reaktion seiner Bürger auf die
Pogromnacht, in der jüdische Mitbürger terrorisiert wurden.
Die Bevölkerung Weißwassers habe „diese Aktion mit etwas
gemischten Gefühlen aufgenommen“, teilte Wenderoth im
November 1938 dem Landrat in einem Lagebericht mit. In seiner
Studie „Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945 in Weißwasser“
konnte Heimatforscher Werner Schubert aufgrund von
Archivmaterial und Zeitzeugen-Aussagen aber sogar
rekonstruieren, dass jüdischen Mitbürgern in Weißwasser vor
und nach der Pogromnacht von 1938 auch geholfen wurde.
In den Genuss solcher Hilfe kamen zum Beispiel
Porzellan-Fabrikant Willy Schweig und der Mediziner Hermann
Altmann. Die antijüdische Propaganda nach den Nürnberger
Gesetzen vom September 1935 schüchterte zwar auch in Weißwasser
die Menschen ein. Bis zum Pogrom konnten sich Schweig und
Altmann jedoch frei in der Stadt bewegen und Besuche
empfangen, wenn auch meist heimlich.
Während der Pogromnacht konnte die Familie Schweigs dann dank
der Hilfe von Bekannten zumindest Leib und Leben retten. Willy
Schweig versteckte sich bei seinem Rechtsanwalt in Görlitz,
so die Recherchen Schuberts. Schweigs Familie holte ein
Hausmeister in eine leer stehende Villa in der Hermannstraße.
Derweil die Schweig-Wohnung in der Berliner Straße 2 von
SA-Leuten verwüstet wurde. Für die anschließende Flucht der
Schweigs nach Berlin über den Bahnhof in Schleife besorgte
der Gärtner Fritz Fiedler mit einem Kollegen einen
Kleintransporter. Ein Lebensmittelhändler borgte den Flüchtenden
eine große summe Geld, da sich keiner von der Familie Schweig
noch in die Sparkasse traute.
Hilfe zuteil wurde auch der jüdischen Textilhändlerin
Margarete Pese und ihrer Tochter Gerda. Bereits zum 1.
November 1935, so Schubert, mussten Peses ihr Haus in der
Muskauer Straße räumen. Durch Vermittlung Alfred Watzlawicks
teilte der Witwer August Scheffler sein Haus im Knappenweg, in
dem er mit seinen drei Kindern wohnte, mit den Vertriebenen.
Als die SA Gerda und Margarete Pese in der Pogromnacht aus
Schefflers Haus auf die Straße trieben und Möbel
zerschlugen, schrie Scheffler das Überfall-Kommando an. Dafür
musste er anschließend sechs Wochen im Stadtgefängnis
zubringen.
Familie Pese bekam nach den Übergriffen
Lebensmittelgeschenke, die ihnen abends vor die Haustür
gestellt wurden. Ebenfalls erst nach Eintritt der Dunkelheit
durfte sich Margarete Pese ein Mal in der Woche bei Fleischer
Walter Urban ein Stück Schweinefleisch abholen. Ähnlich
versorgt hat Schubert herausgefunden, wurde auch Hermann
Altmann von Max Schmidt. Ein Mitarbeiter im Bauamt der Stadt
Weißwasser ließ überdies die in Altmanns Wohnung in der
Bismarckstraße zu Bruch gegangenen Fensterscheiben erneuern.
Für Heimatforscher Werner Schubert ergeben „diese
Informationen zwar kein zusammenhängendes Gesamtbild“. Sie
zeigten aber, dass sich in der Arbeiterstadt Weißwasser viele
„nicht an die politisch-moralischen Forderungen des
Systems“ hielten.
Während Willy Schweig den Holocaust in Berlin als
Zwangsarbeiter überlebte und in den Sechziger Jahren in die
Schweiz emigrierte, wurden Margarete und Gerda Pese im
Vernichtungslager in Belzec umgebracht. Hermann Altmann beging
1940 in Weißwasser Selbstmord.
Zum Thema:
Die November-Pogrome von 1983 markieren den Übergang von
der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur
systematischen Verfolgung aller europäischen Juden im
Machtbereich der Nationalsozialisten. Bei den Pogromen
wurden deutschlandweit etwa 400 Menschen ermordet. 30 000
Juden wurden in Konzentrationslagern inhaftiert, Hunderte
starben.
