Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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lasmuseum Weißwasser !

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Der Glaspionier, in dessen Villa Geschichte überlebt hat
Weißwasseraner Straßennamen. Wer und was sich dahinter verbirgt - unsere Serie wirft ein Licht darauf.
Heute: die Gelsdorfstraße.

Notiert von UWE JORDAN


Die Gelsdorfhütte gilt als ältestes Glaswerk Weißwassers; Keimzelle von Glasindustrie und Stadtentwicklung. Aber gegründet haben sie andere: 1872 riefen die Kaufleute Zwahr, Neubauer und Schulze eine Tafelglashütte ins Leben. 1876 arbeiteten bis zu 36 Glasmacher an acht Häfen. Eine Scheinblüte. Sei's, dass die Inhaber sich mit dem Stoff und seinem Markt nicht wirklich auskannten; sei's, dass sie nicht die Phantasie hatten, zu erkennen, was man alles mit und aus Glas machen könne. All das hatte Wilhelm Gelsdorf (* 21.04.1838/ t 03.02.1908) in reichem Maße. Ihm war das Glas in die Wiege gelegt worden. Vater Eduard war in der Glashütte Tschernitz tätig; Sohn Wilhelm wurde in Friedrichshain geboren (zwei GlasmacherOrte bis über DDR-Zeiten hinaus) und begann, damals nicht ungewöhnlich, mit zehn Jahren seinen gläsernen Berufsweg. Bis 1858 arbeitete er als Glasmachergeselle in Tschernitz, aber er muss sich durch Fleiß, Talent und Willen ausgezeichnet und zu Höherem berufen gefühlt haben. Jedenfalls wurde er Hüttenmeister in der Glashütte Hänisch, Menzel & Co (später Penziger Glashütten AG / Penzig, heute Piensk, ist eine polnische 6.000-Einwohner Kleinstadt 13 Kilometer nördlich von Görlitz östlich der Lausitzer Neiße). Die Heirat mit Emilie Kiesche, Tochter eines Muskauer Tuchmachermeisters, eröffnetet ihmfinanzielle Möglichkeiten. Er pachtete die Gräflich Pilatische Johannishütte im niederschlesischen Schlegel (heute Słupiec, Ortsteil der polnischen Stadt Nowa Ruda am Eulengebirge, nahe Glatz / Kłodzko). In Leipzig erfuhr er's Als eifriger Besucher der Leipziger Messe, auf der er die Erzeugnisse seiner Hütte ausstellte, erfuhr er dort vom Konkurs der neuen Glashütte beim Dörfchen Weißwasser. Diese, direkt an der Eisenbahnlinie Berlin - Görlitz gelegen, stünde günstig zum Verkauf! Er griff zu. Im Sommer 1877 kam er mit 26 weiteren Glasmacherfamilien nach Weißwasser, war nun Teilhaber der "Glaswerke Gelsdorf, Neubauer & Co" .1892 übernahm er die Hütte vollständig.

Ein Katalog (um 1900) lässt ahnen, wie weit das Spektrum der Gelsdorfschen Erzeugnisse reichte. Sage und schreibe 126 Stichworte von .Absynthglas" über "Fiscuspokale" und "Theebüchsen" bis hin zu "Zuckerschalen", auf 62 Seiten reich illustriert, warben für Weißwasseraner Glas.

Nach dem Tode des Patriarchen übernahm seine Witwe, ab 1916 Sohn Edmund die Unternehmensführung. Hatte man die Rückschläge des I. Weltkrieges rasch überwunden, war 1922 Weißwassers drittgrößte Glashütte, begann der Niedergang zu Nazizeiten. Edmund fiel nach anfänglichen Sympathien, aber folgender um so kräftigerer Abneigung gegen die Nazipartei NSDAP in Ungnade: Keine Staats-Aufträge! Mehr noch: 1943 wurde ein rechtmäßig erworbener Glasherstellungs-Vollautomat beschlagnahmt und einer anderen Glashütte überstellt. Am 2. März 1944 wurde die Gelsdorfhütte behördlicherseits stillgelegt.

In der DDR enteignet

Diese Geschichte rettete Geldorf und seinen Teilhaber Adolf Ladiges in der DDR aber nicht vor der Enteignung ("Verstaatlichung") als nunmehr Teil des "VEB (Volkseigener Betrieb) Oberlausitzer Glashüttenwerke". 1966 wurde die Fabrikation an der Forster Straße eingestellt, die Ofengebäude 2 und 3 abgebrochen. Bei "Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen" (Denkmaldokument zu Objekt 08975136) lesen wir: "Das Areal ist heute einerseits durch die lange Zeit der fehlenden Nutzung und Rückeroberung durch die Vegetation als auch durch die Schäden, die 2007 durch den Orkan Kyrill vor allem an den Dacheindeckungen verursacht wurden, geprägt."

Immerhin, das großartige Glasmachermuseum, eröffnet am 3. Juni 1996 durch den am 8. Juni 1993 gegründeten Förderverein Glasmuseum Weißwasser e. V. in der Gelsdorfvilla (erbaut 1905) an der Forster Straße 12, kündet noch vom Wirken der Gelsdorfs. Die Gelsdorfstraße befindet sich nördlich des Areals der einstigen Gelsdorfhütte, unweit vom Glasmuseum Forster Straße 12.

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 05. Dezember 2020


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail:
info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 07.12
.2020


Die Gelsdorfstrasse befindet sich nördlich des Areals der einstigen Gelsdorfhütte, unweit vom Glasmuseum Forster Str. 12
Foto: N. Urban