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Das Geheimnis des superfesten DDR-Glases
Im Glaswerk Schwepnitz lief 1980 eine Neuheit vom Band. Sie ist zu einer echten Rarität geworden - und hat einen besonderen Platz im DDR-Museum.

Von Heike Garten


Besucher fühlen sich um Jahrzehnte zurückversetzt. Da sind der rote Plastikbecher mit den weißen Punkten, die Puppenwagen mit den offenen Seitenfenstern und der orangefarbene Thermosbehälter, mit dem früher Eis geholt wurde. Im DDR-Museum von Schwepnitz sind Hunderte Gebrauchsgegenstände zu sehen, wie sie in fast allen Haushalten der damaligen Zeit zu finden waren.

Doch ein Raum verbindet die DDR-Vergangenheit mit der Industriegeschichte von Schwepnitz - zumindest was die Gegenstände betrifft, die damals in der Gemeinde hergestellt wurden. Die Rede ist von Glas - Glas als Trinkgefäß, Glas als Schale für Konfekt oder Kuchenplatten, um nur einige Beispiele zu nennen.

Eine bestimmte Sorte Glas ist noch heute begehrt: die superfesten Trinkgläser in den unterschiedlichsten Größen. Bei Ebay bezahlen Interessenten bis zu 20 Euro für eines dieser eher unscheinbaren Gläser, die eine Eigenschaft besonders macht: Sie sind superfest, können runterfallen, ohne zu zerspringen, lassen sich bestens ineinander stapeln.

Superfest-Gläser waren eine kleine Revolution

Einer, der viel über die Glasindustrie erzählen kann, ist der Chef des DDR-Museums, das sich im Gebäude des ehemaligen Labors und Rechenzentrums vom VEB Sachsenglas Schwepnitz befindet. Uwe Jähnig arbeitete früher als Elektriker im Glaswerk. "Die Superfest-Gläser waren zu damaliger Zeit eine kleine Revolution. Es ging nicht um Schönheit, sondern darum, dass sie mit wenig Ressourcen und in großer Stückzahl hergestellt werden konnten. Und natürlich darum, dass sie nicht kaputt gehen, damit nicht soviel Neue produziert werden müssen", erinnert er sich. Die superfesten Gläser hätten etwa 15-mal länger als andere gehalten. Heute sei das anders, da müssten Gegenstände kaputt gehen, damit die Leute weiter konsumieren.

Wie es zur Herstellung der superfesten Gläser kam, weiß Peter Sonntag. Der studierte Diplom-Chemiker arbeitete damals als Leiter der Abteilung Investition im Glaswerk. Nachdem im wissenschaftlich-technischen Betrieb für Wirtschaftsglas in Bad Muskau das Verfahren für das superfeste, so genannte CV-Glas entwickelt worden war, wurde Schwepnitz durch Ministerratsbeschluss im Jahr 1978 zur Produktionsstätte dafür auserkoren. "Dann ging es richtig los. Innerhalb kürzester Zeit musste eine entsprechende Produktionslinie aufgebaut werden. Das war schon eine Herausforderung", sagt Peter Sonntag. Das ganze Werk sei damals umgekrempelt worden für die neue Produktion.

1980 liefen die ersten dieser besonderen Gläser vom Band. Peter Sonntag schwelgt in Erinnerungen. "Es war schon eine aufregende Zeit." Bis zu 10.000 Gläser wurden pro Schicht hergestellt. Mit diesem Produkt habe die DDR überall punkten können. In den Handel kamen die Gläser allerdings nicht. Sie waren nur für die Gastronomie und den Export bestimmt.

Die Glaswaren von Schwepnitz waren in der ganzen Republik begehrt und wurden manchmal auch als Tauschware benutzt. "Für ein paar Gläser oder Schalen bekam man dann eben mal Eintrittskarten für ein Spiel von Dynamo Dresden", weiß Peter Sonntag. "Das Glas war Handelsware für alles", weiß auch Uwe Jähnig. So war es in der DDR üblich. Man tauschte das, was man hatte, gegen das, was man brauchte.

Bis zum Ende der DDR gab es den VEB Sachsenglas, der zeitweise bis zu 600 Leute beschäftigte. Dann wurde daraus ein Privatunternehmen mit dem Namen Glassax. Superfest-Gläser wurden nicht mehr hergestellt, die Produktion anderer Glaswaren ging weiter. Später übernahm Walther-Glas aus Ostwestfalen den Betrieb. 2011 kam das Ende des Glaswerkes.

Uwe Jähnig kennt die Geschichte und ist genauso stolz wie Peter Sonntag auf das, was damals in Schwepnitz produziert wurde. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum er in seinem DDR-Museum ein ganz spezielles Glas-Zimmer hat. Von den superfesten Gläsern gibt es Größen von 0,1 bis 0,5 Liter. "Das wertvollste ist das Große, das 0,5er", sagt Jähnig und hebt das gute Stück hoch. Doch auch die anderen stehen schön aufgereiht nebeneinander. Von den superfesten habe er noch etwa 100 Stück, das Große allerdings nur einmal. "Das gebe ich auch nicht her, das kriegt man auch kaum noch", sagt Uwe Jähnig.

Historie der Glasherstellung soll dokumentiert werden

Doch wie kommt der Sammler eigentlich zu seinen Raritäten? "Ein- bis zweimal im Monat gehe ich zu Haushaltsauflösungen. Da ist immer etwas zu finden, nicht nur Gläser", erzählt der 56-Jährige. Er brauche ja auch immer wieder Stücke für die anderen Bereiche des DDR-Museums. Manchmal rufen ihn auch Leute an, die etwas auf dem Dachboden gefunden haben und es gern an ihn und das Museum weitergeben. Und mit etwas Glück ist dann auch ein superfestes Glas dabei - vor allem wenn der Anrufer aus Schwepnitz kommt.

Der Traum von Uwe Jähnig ist es, sein Glas-Zimmer zu vergrößern und umzugestalten. Es sollen dann nicht nur alle zu DDR-Zeiten in Schwepnitz hergestellten Glasprodukte zu sehen sein, sondern auch eine Dokumentation zur Geschichte der Glasherstellung in der Gemeinde entstehen - mit Schautafeln, historischen Fotos und Augenzeugenberichten. Da hat dann Peter Sonntag bestimmt auch einiges beizusteuern.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 07. Januar 2021


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Aktualisierung: 13.01.2021


Uwe Jähnig zeigt die superfesten Gläser im DDR-Museum in Schwepnitz. Im Hintergrund Peter Sonntag. Er war mit dafür verantwortlich, dass die Produktion im Ort in den 1980er-Jahren anlief.
© Foto: M. Schumann
Es wurde angestoßen: Am 4. Juni 1980 liefen die ersten superfesten Gläser in Schwepnitz vom Band.
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So sah das Glaswerk von Schwepnitz aus, als dort die superfesten Gläser produziert wurden.
© Foto: Archiv/privat