Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Der gläserne Meister Petz
Weißwasseraner Straßennamen
Wer und was sich dahinter verbirgt - unsere Serie wirft ein Licht darauf.
Heute: die Bärenstraße.

Notiert von UWE JORDAN


Im Glasmuseum Weißwasser ist seit 19. September dieses Jahres die Sonderausstellung "Meine beste Bude - Heinz Schade und die Bärenhütte" zu sehen. Beziehungsweise nicht zu sehen, denn Corona hat ja auch in Sachsen die Schließung der Museen erzwungen. Immerhin bleibt Hoffnung, dass die Schau vor dem avisierten Ausstellungs-Ende 3. Januar 2021 noch einmal geöffnet' werden kann oder über diesen Zeitraum hinaus verlängert wird, damit diese Schau das Publikum findet, das sie verdient hat - des großartigen Glasgestalters Heinz Schade halber. Er hat die Kunst des Diatretglases wieder zum Leben erweckt. Das aus dem Altgriechischen stammende "diatretos" meint durchbrochen, durchbohrt" und steht für ein doppelwandiges Prunkglas. dessen Gefäßkörper, also das eigentliche Gefäß, von einem durchbrochenen Glasnetz umfangen wird. Die Hoch-Zeit dieser Glaskunst lag im Alten Rom zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Dann geriet die Art, solche Gläser zu fertigen, lange in Vergessenheit - bis ins späte 17. Jahrhundert. Selbst heute wird noch gestritten, ob die Diatretgäser im Original gepresst oder geschliffen wurden. Nicht einmal darüber ist man einig, ob sie als Trink- oder Beleuchtungsgefäße verwendet wurden; es spricht allerdings vieles für die letztere Auslegung. Es gab und gibt unterschiedlichste (oft am mangelndem handwerklich-technologischen Können gescheiterte) Versuche, die Diatret-Gläser nachzuahmen. Geglückt sind nur wenige. Gar eine neue Formensprache zu entwickeln, ist noch wenigeren Künstlern gelungen. Einer dieser weltweiten Ausnahmekönner, Heinz Schade, hat seine Antwort gegeben (natürlich geschliffen!), wovon diese Ausstellung zeugt, die eng mit der Bärenhütte in Weißwasser verbunden ist, an der er wirkte. 

Warum nun aber „Bärenhütte“? Nun, die Geschäftsführer des 1884 gegründeten Glashüttenwerkes Hirsch, Janke & Co., Hermann Malky und Julius Müller, waren begeisterte Jäger. Eines Tages auf der Pirsch in Richtung Kromlau (bei der sie auch Land für den geplanten Erweiterungsbau ihres Werkes in Augenschein nehmen wollten), brach direkt vor ihnen ein riesiger Grizzly aus dem Wald. Rasch erwies sich, dass das Tier keinesfalls ein echter Wildling, sondern ein einem Wanderzirkus ausgekniffener Tanzbär war. Dieses Erlebnis lieferte dem Ort des Geschehens den volksmundlichen Namen „Bärenlichtung“ und den beiden Existenzgründern (beziehungsweise -erweiterern) den Namen ihres neuen Werkes, das 1897 an dieser Stelle entstand.  

Der Bär war im Glas 'angekommen. Werbebanner (auch in der Ausstellung zu sehen), zeigen Petze, die eifrig mit Glasblasen und -schleifen beschäftigt waren, und zu DDR-Zeiten durften bei kulturellen Leistungsvergleichen in Erinnerung an den Gründungsmythos im Programm Braunbären als Artisten nicht fehlen.  

Dass in der Bärenhütte hochwertigstes, künstlerisch veredeltes Glas entstand, änderte sich zu DDR-Zeiten nicht. Erst mit der politischen Wende begann der Niedergang. Missmanagement und unglückliche Umstände führten 1997 in die Insolvenz. 2001 wurden Hütte und Fläche verkauft, da sich niemand fand, der die Glasproduktion neu aufnehmen wollte. Schließlich riss die Dresdener Baumanagement GmbH 2006 die Gebäude ab, um den dort einst verbauten Stahl nachzuverwerten. Mit dem dabei angefallenen, nicht schadstoffbelasteten Schutt wurde die Weißwasseraner Schadstoff-Deponie Philippine verfüllt, das Grundstück an eine bulgarische Firma verkauft. Seither liegt das 80.000 m2 umfassende Bärenhütte-Feld brach.  

Eine Nachnutzung, selbst für Fotovoltaik, scheiterte bisher daran, dass große Teile des heute weitestgehend verwahrlosten Areals im Norden Weißwassers kontaminiert und nicht im Zugriff der Stadt sind. An all das erinnert heute die: Bärenstraße.  


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 05. Dezember 2020


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
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Aktualisierung: 06.12
.2020


Von der Bärenstraße aus blickt man über den Neuteichweg hinweg in Richtung Norden auf das Areal der einstigen "Bärenhütte"
Foto: N. Urban