Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
G
lasmuseum Weißwasser !

Museum

Service


Glasfaser-Herstellung - eine neue Perspektive für die Glasmacherstadt Weißwasser?
 


40 Jahre Berufserfahrung auf dem Gebiet der technischen Textilien und 50 angemeldete Patente – der ehemalige Vizepräsident des sächsischen Instituts für Textilforschung könnte sich mit seinen 72 Jahren verdient zur Ruhe setzen. Doch Claus Schierz will seine Erfahrung nicht ungenutzt mit ins Grab nehmen. Er will sie weitergeben und damit einem traditionsreichen Industriestandort in der Oberlausitz zu einem Neubeginn verhelfen.

Claus Schierz, Enrico Gerber und Radik Nizamov stehen vor drei haushohen Schmelzanlagen in einer Halle auf dem TELUX-Gelände in Weißwasser. Seit acht Jahren stehen die Anlagen still. Die drei Männer wollen sie mit ihrer Firma Glass Fiber Textiles (GFT) wieder in Betrieb nehmen, um damit Spezialglas herzustellen. Ihr Ziel: Die Anlage so umrüsten, dass sich damit Rohglas zur Produktion von Glasfasern erzeugen lässt. Schierz zeigt auf eine mit Schamottgestein umhüllte Schmelzrinne. Sie gehört zu den wenigen Bauteilen, die für das Vorhaben der GFT GmbH ausgetauscht werden müssten.

Lange war Claus Schierz auf der Suche nach einem geeigneten Standort, an dem sich Glasfasern ohne viel Aufwand produzieren lassen. Dann kam dem gebürtigen Oberlausitzer Weißwasser in den Sinn – eine Glasmacherstadt mit langer Tradition. Bis zur Wende stellten im Spezialglaswerk "Einheit" 1.300 Mitarbeiter Glaskolben und -röhren für Lampen und Fernseher her. Heute mischen bei dem Nachfolgebetrieb Telux nur noch 16 Angestellte Ausgangsstoffe für die Glasproduktion.

Ein Ort, wie geschaffen für Schierz' Vorhaben

"Ich habe gesehen, dass hier etwas schlummert: Kapital in Form von Gebäuden, Maschinen und Ausrüstung, die aus der ehemaligen Rohglasherstellung noch vorhanden waren", sagt Claus Schierz. "Diese Grundstufen kann man sehr gut nutzen, um daraus Glasfasern zu machen. Das war in Weißwasser nicht bekannt."

Für Schierz aber war klar: Seine Idee Rohglas selbst herzustellen, in einer zweiten Stufe Glasfasern daraus zu ziehen und diese schließlich zu Endprodukten zu veredeln, muss hier verwirklicht werden. Im April bezog er mit seinen beiden Kollegen ein Büro an der Straße der Einheit. Seitdem treibt er die Realisierung seines Vorhabens vor Ort voran. Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt wurden in der Halle des Neuwerks noch Glasröhren gezogen.

Die Fasereigenschaften selbst bestimmen können

Im sogenannten Neuwerk will GFT textile Verarbeitungsmaschinen aufbauen. Dort sollen die Glasfasern zu Vliesstoffen und Formteilen weiterverarbeitet werden, die Temperaturen bis zu 1.100 Grad aushalten. "Unsere Wettbewerber und auch wir selbst waren bisher auf die Fasern angewiesen, die uns der Markt anbietet. Wir konnten die Eigenschaften der Faser nicht verändern, wie es der Anwender in seinem speziellen Fall braucht", erklärt Claus Schierz.

In Weißwasser will die GFT deshalb eine Vollstufenproduktion einrichten. Von der Faserfertigung bis zum Endprodukt will das Unternehmen alles in seiner Hand haben und sich damit Wettbewerbsvorteile erarbeiten können. "Wir sind dann in der Lage, die Faser zielgerichtet auf die Endanwendung hin zu konzipieren - also unterschiedliche Fasergemenge zu mischen, um daraus Fasern mit unterschiedlichen Eigenschaften herzustellen", erläutert Schierz. Den Kunden brächte das nicht nur passgenauere Produkte, sondern auch Kostenersparnisse.In dieser doppelstöckigen Halle des sogenannten Neuwerks will die GFT Maschinen zur Glasfaser-Veredelung aufbauen. Die Maschinen gibt es bereits. Sie stehen in Freiberg und müssten nur noch in die Lausitz gebracht werden.

Kontakte zu 70 Endkunden weltweit

Auf einem Konferenztisch haben Schierz, Gerber und Nizamov eine Vielzahl von Produktentwicklungen ausgebreitet. Hier ein Isolationsbauteil aus einem Katalysator bei VW, dort eine Motorraumverkleidung aus einem 5er-BMW und da ein Vlies, das als Abgasfilter in Kraftwerken zum Einsatz kommen könnte. Erste Produkte seien am Entwicklungsstandort in Freiberg bereits hergestellt und an Kunden ausgeliefert worden, berichten die Unternehmer. Jetzt aber wollen sie die Produktion im großen Stil umsetzen.

Rund zwei Millionen Euro wollen sie dafür in einem ersten Schritt in Weißwasser investieren. In einer zweiten Stufe etwa nochmal soviel. "Die Kunden rufen teilweise wöchentlich bei uns an, um zu fragen, wie weit wir sind, wann mit einem Produktionsstart zu rechnen ist", erzählt Claus Schierz. Die Glasfaserteile seien Nischenprodukte, für die es teilweise keine Wettbewerber gibt. "Das macht uns einerseits stolz, andererseits aber auch traurig, dass wir unsere Kunden weiter vertrösten müssen", sagt Schierz. Denn noch fehlt der GFT das Startkapital.

Unklare Finanzierung

Schierz ist zuversichtlich, die Summe in einem Monat beisammen zu haben. Denn er will die Produktion unbedingt noch in diesem Jahr starten. "Wir müssen schnell eine Möglichkeit finden, dass wir die Maschinen ranholen, aufbauen und zum Laufen bringen können, damit wir die Kunden, die wir durch die Produktentwicklung gewonnen haben, nicht weiter verärgern und am Ende vielleicht ganz verlieren."

Auch Büronachbar Andreas Nelte, Geschäftsführer der TELUX Glasproducts & -components GmbH, hofft auf einen erfolgreichen Start der Glasfaserfertigung in Weißwasser. "Zum einen ist das ein Projekt, das unsere Fixkosten für die Immobilie mit unterstützen kann", sagt Nelte. Zum anderen könnte Telux mit seiner angestammten Produktion von dem Vorhaben profitieren und die GFT mit Rohstoffgemischen versorgen. "Bei der geplanten Leistung könnten wir nicht nur unsere Anlagen besser nutzen, wir könnten voraussichtlich in einem zweiten Schichtsystem arbeiten und auch zusätzliche Arbeitsplätze schaffen", prognostiziert Nelte.

Der Strukturwandel als Chance?


Seit Jahren bemüht sich die Telux das 150.000 Quadratmeter große Areal wiederzubeleben. Anfangs versuchte man Kleinbetriebe anzusiedeln, später wurden auch Nachnutzer für die stillgelegten Produktionsanlagen gesucht. Doch oft seien Industrieansiedlungen an der Finanzierung gescheitert, berichtet Nelte. Für die Glasfaser-Produktion sieht er nun aber eine bessere Ausgangslage: "Wir haben mit dem Strukturwandel in der Lausitz jetzt ganz andere Chancen, da hier verstärkt die Politik mit eingebunden ist und mit uns gemeinsam arbeiten muss, um einen Ausgleich zu schaffen, damit die Leute hier eine Zukunft, eine Existenz haben."

Claus Schierz und sein Team werden von den versprochenen Strukturhilfen für die Kohleregion, wenn überhaupt erst langfristig profitieren können. Sie brauchen kurzfristig Geld. Schon im August wollen sie mit der Fertigung in Weißwasser loslegen. Nachdem sie ein lokales Kreditinstitut bei der Finanzierung über Monate hingehalten hat, sind die Unternehmer dieser Tage nun mit anderen Geldgebern im Gespräch.

Quelle: MDR/mk


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail:
info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 05.06.2020


Bilder unter: https://www.mdr.de/sachsen/bautzen/goerlitz-weisswasser-zittau/glasfaser-produktion-weisswasser-100.html
 
 
 
 
.