|
Der
verlorene Enkelsohn zurück auf Dr. Altmanns Spuren
Harry Weinberg besucht Weißwasser, die Heimatstadt
seines Großvaters
Von Thoralf Schirmer
Weißwasser.
In der jüngsten Broschüre des Weißwasseraner Vereins «Zukunft
gestalten, ohne zu vergessen» über «Jüdische Schicksale» wird im im
Kapitel über den Arzt Dr. Hermann Altmann, der über 30 Jahre in Weißwasser
lebte und praktizierte, auch dessen Tochter Ruth aus erster Ehe erwähnt.
Sie habe in Warschau den Besitzer der Be steckwarenfabrik Weinberg
geheiratet, schreibt Autor und Heimathistoriker Werner Schubert, und dann:
«Mehrfach wird ein Sohn namens Harry aus dieser Ehe erwähnt. Über das
Schicksal dieser Familie ist nichts bekannt. Irgendwie soll sie nach
Kanada entkommen sein.»
Letzteres ist ein Irrtum, wie sich jetzt herausstellt. Harry Weinberg
lebte nach dem Kriegsende bis heute in Polen. Doch erst jetzt, bald 70-jährig,
hat er sich auf die Suche nach seinen jüdisch-deutschen Wurzeln gemacht.
Über eine Anfrage in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel
hatte er Informationen über Dr. Hermann Altmann und den Kontakt zu Werner
Schubert in Weißwasser gefunden. In dieser Woche ist Weinberg mit seiner
Frau zu Besuch in der Stadt.
Am Dienstagabend kam er beim Verein «Zukunft gestalten, ohne zu vergessen»
ins Gespräch mit Geschichtsinteressierten und Zeitzeugen, darunter
ehemalige Patienten von Dr. Altmann, der mindestens bis zum Herbst 1938,
trotz Schikanen und ständiger Bedrohung durch die Nationalsozialisten und
ihre Helfer, in Weißwasser praktiziert und Leben gerettet hatte.
«Ich wäre heute vielleicht nicht mehr» , sagt zum Beispiel Herbert
Metko (71) aus Gablenz. «Ich war mit zwei Leistenbrüchen zur Welt
gekommen. Meine Eltern haben mich damit, als ich ein Jahr alt war, zu Dr.
Altmann gebracht. Er hat die richtige Diagnose gestellt und mir hilflosem
Kind geholfen.» Fast noch schlimmer hatte es Marianne Schur (heute 72)
als Kind getroffen. Eine Drüsenkrankheit, Tuberkulose und eine
beidseitige Lungenentzündung ließen ihr 1936 kaum Hoffnung auf ein Überleben.
Es sei sogar schon so weit gewesen, dass ihre Mutter das Fenster geöffnet
habe, damit die kleine Kinderseele einen freien Weg zum Entweichen gehabt
hätte. Doch Dr. Altmann brachte das Mädchen durch. «Es war ein sehr
guter Arzt. Das muss ich immer wieder betonen» , sagt Marianne Schur. Und
noch etwas stellt sie fest, dass ihr erst bei den Gesprächen an diesem
Abend bewusst wird: «Meine Eltern als Geschäftsleute in Weißwasser müssen
sehr viel Mut gehabt haben, dass sie damals zu Dr. Altmann gegangen sind.
Es gab ja auch jemanden, der meinen Vater angezeigt hat, so dass er sich
lieber freiwillig zum Polen -Feldzug gemeldet hat.»
Dass es in Weißwasser gewiss keine leichte Entscheidung war, unter der
Nazi-Herrschaft und ihrer zynischen Rassen-Gesetzgebung weiterhin einen jüdischen
Arzt zu konsultieren oder im Geschäft eines jüdischen Unternehmers zu
kaufen, beweist eine Ausgabe des Nazi-Hetzblattes «Stürmer» aus dem
Jahre 1938, das an diesem Abend als Kopie durch den Raum wandert. Monika Börner
(67) hatte es im Nachlass ihres Großvaters Richard Pietsch gefunden. Der
Röhrenzieher aus Weißwasser wird in dieser Zeitung selbst namentlich
genannt und angeschwärzt, dass er «sich heute noch von dem Judenarzt Dr.
Altmann behandeln» lässt und bei einem reisenden jüdischen Händler
Stoffe kaufe. Über den Kolbenmacher Albert Kocher aus Weißwasser wird an
gleicher Stelle hergezogen, er dulde es, dass seine Frau beim Juden Oser
einkaufe. Die Liste dieses öffentlichen Prangers, mit dem die Nazis Druck
auf die Einwohnerschaft im Allgemeinen und die jüdischen Mitbürger im
Besonderen ausübte, ist lang.
Und dennoch, so Werner Schubert, sei es erstaunlich, dass Dr. Altmann so
lange, nämlich bis wenigstens 1938 weiter habe praktizieren dürfen, während
anderswo jüdischen Ärzten schon viel früher die Approbation entzogen
worden war. «Man kann sich das wohl nur mit dem hohen Ansehen erklären,
dass Dr. Altmann in der Bevölkerung genoss» , meint der
Heimathistoriker.
Allerdings waren Altmann eine Reihe von Ämtern und Funktionen schon früher
entzogen worden. Auch Inge Standfuß (76), deren Keuchhusten einst von Dr.
Altmann mit kleinen Dosen Stadtgas behandelt worden war, erinnert sich,
dass sie 1937 ihre Einschulungsuntersuchung nicht mehr von Dr. Altmann
hatte vornehmen lassen dürfen, sondern an einen anderen Arzt verwiesen
worden war.
Harry Weinberg nahm die Berichte über seinen Großvater mit großem
Interesse auf. Er selbst schilderte den Weg seiner Familie während und
nach dem Krieg. Mit seiner Mutter, der Altmann-Tochter Ruth, war er auf
einen Marsch aus dem Warschauer Getto getrieben worden, wurde aber mit ihr
und der kleinen, drei Monate alten Schwester, welche die Strapazen nicht
lange überlebte, von einer polnischen Familie in einem Vorort von
Warschau gerettet und versteckt. Kurz vor Kriegsende hatte es die Familie
dann irgendwie bis Berlin geschafft und wohnte später sogar eine Zeit
lang in Weißwasser, wo sich noch Dr. Altmanns zweite Frau Marta aufhielt.
Mit der Großmutter und dem Vater war Harry Weinberg schließlich nach
Warschau zurückgekehrt. Seine Mutter Ruth aber sei nach England gegangen.
Dass sie von dort aus gemeinsam mit Hannelore, Altmanns Tochter aus
zweiter Ehe, die mit dem Architekten Dennis Broodbank verheiratet war,
alles versucht hatte, um auch den Sohn nach England zu holen, das hat
Harry Weinberg erst später erfahren. Das kommunistische System in Polen
hatte der Familienzusammenführung offenbar Steine in den Weg gelegt.
Vielleicht auch, überlegt Harry Weinberg, habe sein Vater nicht gewollt,
dass der Junge nach England ginge.
Quelle:
Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 03.07.2008
|
 |
Harry Weinberg und
seine Frau Eva in Weißwasser. Auf ihrem Rundgang wurden sie von
Werner Schubert (re.) begleitet. An dieser Stelle war die frühere
Bismarckstraße 9, hier befanden sich das Wohnhaus und die
Arztpraxis von Dr. Hermann Altmann.
Foto: Angelika Brinkop
|
|