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Gedanken zum
Beitrag
«Der Ausverkauf der ostdeutschen Glasindustrie»
VON Dr.
Siegfried Schelinski
Es gibt
nicht viele Glücksfälle in der deutschen Geschichte. Die friedliche
Wiedervereinigung Deutschlands unter den oder trotz der von 1945 bis
1989/1990 durch die Teilung und viele Jahre kalten Krieges entstandenen
Bedingungen halte ich für einen solchen Glücksfall. Wir Deutschen dürfen
dieses Glück nicht kleinzanken.
Weil vieles, was mit der Wiedervereinigung zusammenhängt, auch nach fast
zwanzig Jahren nicht aufgearbeitet ist, muss darüber unaufgeregt und
unvoreingenommen und sicher auch mit gegenseitiger Achtung und etwas
Grossmut geredet werden. Wie notwendig dies ist, zeigt die Reaktion von
Herrn Prof. Gumpel auf den Artikel «Der Ausverkauf der ostdeutschen
Glasindustrie» in Zeit-Fragen Nr. 15 vom 7. April. Herr Prof. Gumpel ist
ganz bestimmt sehr gut informiert. Er benutzt die Drahtbürste und trifft
alle Ostdeutschen. Er trifft auch alle die, die keine Helden waren, leben
mussten und gelebt haben, Missstände ertragen und Widrigkeiten trotzen
mussten, den Verfall vor Augen, einen allumfassenden Verfall doch
verhindert haben, mitgelaufen sind und aufbegehrt haben, ihr
Selbstbewusstsein nicht verlieren und ihre Würde behalten wollen.
Es ist gekommen, wie es kommen musste, das insgesamt stärkere soziale
System hat das schwächere aufgesaugt. Die beste mögliche Mischung konnte
so wohl nicht entstehen. Auch unter günstigen Umständen bleiben Wunder
aus.
Es gibt einen Beschluss der frei gewählten Volkskammer der DDR zur
Selbstauflösung dieses Staates und einen Einigungsvertrag. Die hastige
Einigung geriet dann freilich fast zu einer feindlichen Übernahme. Die
ostdeutschen Bürger der DDR haben diese Übernahme zugelassen, weil sie
zu Recht unzufrieden waren, in ihrer Mehrheit allen Glauben an
Selbstheilungskräfte verloren hatten und keine Alternative zur raschen
(notfalls auch bedingungslosen) Abwicklung der DDR wollten. Sie hätten
wissen können, dass ihnen in vielen Punkten wohl kaum Gerechtigkeit
widerfahren wird. Natürlich konnten sie konkrete gesellschaftliche und
wirtschaftliche Entwicklungen – auch besser Informierte glaubten ja
sicherlich ehrlich an blühende Landschaften – nicht voraussehen. Sie
haben aber ein Recht auf eine korrekte Bewertung ihrer Lebensumstände und
Leistungen. Weil sie sich nur so behaupten können, müssen sie auch zu
ihren (gemeinsamen) Fehlleistungen stehen und endlich aufhören,
weinerlich um Aufgegebenes und Verlorenes zu jammern und alle Schuld bei
den bösen anderen zu suchen.
Mit dem Überstülpen des westdeutschen Wirtschafts-, Rechts- und
Wertesystems kamen aus der alten BRD Politiker, Juristen, Unternehmer und
andere, die es trotz mancher Vorbehalte ehrlich und gut meinten, Berater,
die ihren Job machen und helfen wollten, Schnäppchenjäger, denen es ums
schnelle Geld ging, Konzernvertreter, deren knallharter Auftrag die
strategische Profitsicherung für ihren Konzern um jeden Preis und ohne Rücksicht
auf gesamtgesellschaftliche Belange war, und leider auch diejenigen, die
das in Westdeutschland angestaute wirtschaftskriminelle Potential unter
den gegebenen Umständen einfach herüberspülen musste.
Wie die Treuhandanstalt geführt worden ist, wird man wohl zu den Sündenfällen
der deutschen Wirtschaftspolitik rechnen müssen. Jedermann versteht, dass
der Umbau der DDR-Wirtschaft schon wegen seiner Dimension problematisch
war und dabei nicht alles gelingen konnte. So gut und so schlecht diese
Wirtschaft eben war, es wurde ohne (oder doch mit gewisser?) Weitsicht
zuerst geopfert und dann erst umgebaut. Dabei geriet auch die ostdeutsche
Glasindustrie in den Ausverkauf.
Es darf bezweifelt werden, dass Versuche zum Herausfiltern nutzbarer
innovativer Lösungen über sogenannte Evaluierungen ernst gemeint waren.
Hierzu unter der Überschrift «Wer braucht schon Glas, das nicht kaputt
geht?» und unter dem Foto einer Glastasse der Text auf einem
Kalenderblatt für den August 2008:
«Die formschöne chemisch verfestigte Glastasse aus Bad Muskau steht am
Anfang einer Erfolgsgeschichte. In der Muskauer Entwicklungsglashütte der
Lausitzer Glasindustrie wurde die gesamte industrielle Herstellung solcher
in einer speziellen Beregnungsanlage mit geschmolzenem Kaliumnitrat vergüteter
Glaserzeugnisse vorbereitet und erprobt. Nach der in Bad Muskau erprobten
Lösung wurden im Glaswerk Schwepnitz von Juni 1980 bis Dezember 1989 an
einer leistungsfähigen Linie 95 Millionen solcher CV-Erzeugnisse als
Trinkgläser mit erhöhter Festigkeit und etwa fünffacher Lebensdauer
produziert. Diese Anlage war in der Welt die erste; wegen der jüngeren
deutschen Geschichte blieb sie leider die einzige und die letzte.»
Man muss aber auch sehen: In der ostdeutschen Glasindustrie ist durch die
mit der Wiedervereinigung entstandenen Gegebenheiten ein in diesem
Industriebereich weltweit bereits laufender Wandlungsprozess mit
schmerzlichen Konsequenzen wie in einem Zeitraffer abgelaufen und
nachgeholt worden. Dieser Prozess ist durch enorme Verschiebungen in der
Palette der vermarktbaren Produkte aus Glas, durch die vollständige,
weitgehende oder teilweise Substitution von Glas durch andere Materialien,
durch die Einführung hochproduktiver Herstellungsverfahren mit hohen
technisch-technologischen und Investitionsanforderungen, durch Zwänge aus
notwendigen Energieeinsparungen und aus berechtigten
Umweltschutzforderungen, durch Konzentration der Produktion und
Verschiebung der Produktionsstandorte und durch andere Faktoren
gekennzeichnet.
Die deutsche Teilung als Kriegsfolge, die zumindest teilweise Abkopplung
der DDR-Wirtschaft von der Weltwirtschaft und das ungeschickte,
engstirnige und blindeifrige Vorgehen bei der Wiedervereinigung haben zu
Verwerfungen geführt, die bis heute wirken. Um sie zu überwinden, müssen
sie zuerst mental aufgearbeitet werden. Das fällt schwer und wird dauern.
Was nicht mehr ausgeräumt werden kann, wird vermutlich in der Geschichte
versinken.
Quelle:
Zeit-Fragen, Nr. 23 vom 02.06.2008
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